Plädoyer für das Ausbüchsen

In seiner Keynote bei der Kon­ferenz «Burning Issues» spricht Tucké Royale über das Dilemma, für eine margina­lisierte Gruppe zu sprechen – und dafür gleich wieder in Dienst genommen zu werden

Stell dir vor, du hast es in einen Beruf geschafft, von dem man denken könnte, es sei der schönste Beruf der Welt, ein Beruf, der sich mit Freiheit beschäftigt – und dennoch: Das uneingelöste Schönheits-, Liebes- und Freiheitsversprechen, das dieser Beruf mit sich bringt, schnürt dir die Kehle derart zu, dass du dich fragst, warum du nur in diesen Beruf drängtest.

Stell dir vor, an deinem Premierentag hast du ein Radiointerview, sitzt mit dem Telefon hinter der Bühne und hörst, wie die Anmoderation, live auf Sendung, über deine Geschlechtsmerkmale spekuliert.

Stell dir vor, dir wird im weiteren Verlauf des Interviews das Gefühl vermittelt, dass dies alles vermeintlich in deinem Sinne geschähe, weil ja um Repräsentation gerungen werde, du schließlich im Theaterbetrieb eine nennenswerte Ausnahme darstellst. Dir ist nach Auflegen zumute, aber das geht nicht, es ist schließlich doch dein Pressetermin, den du wahrzunehmen hast, wahrnimmst. Du hast dich bestimmt verhört. Du stellst dir vor, wie es klingen würde, stünde das marktschreierische Verkünden von Identitäten für alle Regisseure auf der Tagesordnung: «Achtung, Achtung, verehrtes Publikum, heute Abend hat Herr Soundso Premiere im ...

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Theater heute Januar 2021
Rubrik: Burning Issues, Seite 42
von

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