Plädoyer für das Ausbüchsen

In seiner Keynote bei der Kon­ferenz «Burning Issues» spricht Tucké Royale über das Dilemma, für eine margina­lisierte Gruppe zu sprechen – und dafür gleich wieder in Dienst genommen zu werden

Stell dir vor, du hast es in einen Beruf geschafft, von dem man denken könnte, es sei der schönste Beruf der Welt, ein Beruf, der sich mit Freiheit beschäftigt – und dennoch: Das uneingelöste Schönheits-, Liebes- und Freiheitsversprechen, das dieser Beruf mit sich bringt, schnürt dir die Kehle derart zu, dass du dich fragst, warum du nur in diesen Beruf drängtest.

Stell dir vor, an deinem Premierentag hast du ein Radiointerview, sitzt mit dem Telefon hinter der Bühne und hörst, wie die Anmoderation, live auf Sendung, über deine Geschlechtsmerkmale spekuliert.

Stell dir vor, dir wird im weiteren Verlauf des Interviews das Gefühl vermittelt, dass dies alles vermeintlich in deinem Sinne geschähe, weil ja um Repräsentation gerungen werde, du schließlich im Theaterbetrieb eine nennenswerte Ausnahme darstellst. Dir ist nach Auflegen zumute, aber das geht nicht, es ist schließlich doch dein Pressetermin, den du wahrzunehmen hast, wahrnimmst. Du hast dich bestimmt verhört. Du stellst dir vor, wie es klingen würde, stünde das marktschreierische Verkünden von Identitäten für alle Regisseure auf der Tagesordnung: «Achtung, Achtung, verehrtes Publikum, heute Abend hat Herr Soundso Premiere im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2021
Rubrik: Burning Issues, Seite 42
von

Weitere Beiträge
Science-Fiction und Geisterpremieren

Seltsame Zeiten erfordern besondere Wege. Eigentlich hatte Alexander Kohlmann, seit dieser Spielzeit Schauspieldirektor am Anhaltinischen Theater in Dessau, einen großen Dreisprung vor, um das Publikum in der Bauhausstadt für sich und seine Vorstellung von Theater zu gewinnen. Das Science-Fiction-Stück «Mission Mars» sollte den Start machen, dann die «Eumeniden»...

Und vergib uns unsere ...

Katholiken tragen von Geburt an die Erbsünde in sich, können am Samstag aber zur Beichte gehen, schon am Sonntag mittags unbefleckt den Leib Jesu Christi empfangen und am Montag getrost weiter sündigen. Kommt man dagegen als Protestant zur Welt, gibt es keine Erbsünde, man ist aber angehalten, ein Leben lang Schuld zu begleichen. Gearbeitet wird nicht um reich zu...

Theater, weil!

Weil im Theater das Handy aus ist.
Weil ich andere atmen höre.
Weil wir den Atem gemeinsam anhalten.
Weil wir zusammen still sind.
Weil wir zusammen Hormone ausschütten.
Weil man sich leichter in Menschen verliebt, mit denen man Hormone ausgeschüttet hat.
Weil ich im Theater über etwas weinen kann, das mit mir nichts zu tun hat.
Weil ich im Theater nicht einsam...