Paris und Neapel

Hinterbühnendrama und Frauenfreundschaft: Am Hamburger Thalia Theater holt Amir Reza Koohestani «Dantons Tod Reloaded» in die Gegenwart von #MeToo und feministischer Revolution im Iran, während Ewelina Marciniak eine Bühnensprache für Elena Ferrantes Erfolgsroman «Meine geniale Freundin» sucht

Theater heute - Logo

Hauptsächlich im Boulevard gibt es das hübsche Untergenre der Hinterbühnenkomödie. Der Alltag im Theater wird hier zum Thema, mit all den kleinen Dramen zwischen Probe und Aufführung, mit Liebschaften und Verletzungen, manchmal auch mit unspektakulärer Ödnis. Und wenn die Hinterbühnenkomödie raffiniert ist, dann schafft sie es, das Geschehen hinter der Bühne mit dem Stück, das auf der Bühne gezeigt wird, zu kontrastieren, in Franz und Paul von Schönthans Schwank «Der Raub der Sabinerinnen» etwa oder in Michael Frayns postmodernem «Der nackte Wahnsinn».

Amir Reza Koohestani und Mahin Sadri entführen das Publikum in der Außenstelle Gaußstraße des Hamburger Thalia Theaters ebenfalls auf die Hinterbühne, nur eine Komödie zeigen sie nicht. In «Dantons Tod Reloaded» geht es um eine multiethnische Tourneetheatergruppe, die in Paris Georg Büchners Revolutions -drama «Dantons Tod» zeigen möchte, allein: Ob die Aufführungen stattfinden, ist unklar. Ein Streik im öffentlichen Dienst betrifft die Bühnenarbeiter:innen (nicht aber die Künstler:innen), und wann der beendet ist, hängt von den Tarifverhandlungen ab. Außerdem hängt das Damoklesschwert von Etatkürzungen über der Gruppe, man munkelt, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Professor von Herrn Hitlers Gnaden

In den Jahren des Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963–1965), des umfangreichsten und bedeutsamsten NS-Prozesses, der nach 1945 vor einem bundesdeutschen Gericht geführt wurde, erschien eine fünfbändige Dokumentensammlung des deutschpolnischen Historikers und Auschwitz-Überlebenden Joseph Wulf, die erstmals auf breiter Basis die Rolle von Intellektuellen und...

Familie, Gewalt, Zukunft

Wenn die beiden Diener mit den Wischmopps vorbeikommen und Bodenreinigung vortäuschen, wird’s hochgefährlich. Buckingham (stoisch kaugummikauend: Lukas Holzhausen) und Catesby (extralange Leitung: Cino Djavid) scheitern zwar regelmäßig fast an sich selbst, an ihrer schildkrötenhaften Restintel -ligenz und ihrem slapsticktauglichen Ungeschick, aber irgendwann...

Unausweichlicher Zerfall

Der Krieg findet ganz in der Nähe statt», erklärt Gintaras Grajauskas, der Künstlerische Direktor des Dramatheaters in der Hafenstadt Klaipeda. «Die baltischen Länder, die von der Sowjetunion besetzt waren, sind sich des aggressiven russischen Imperialismus sehr wohl bewusst und wissen, dass der Krieg jederzeit auf ganz Europa übergreifen kann.» Dieser fragilen...