Unausweichlicher Zerfall
Der Krieg findet ganz in der Nähe statt», erklärt Gintaras Grajauskas, der Künstlerische Direktor des Dramatheaters in der Hafenstadt Klaipeda. «Die baltischen Länder, die von der Sowjetunion besetzt waren, sind sich des aggressiven russischen Imperialismus sehr wohl bewusst und wissen, dass der Krieg jederzeit auf ganz Europa übergreifen kann.» Dieser fragilen geopolitischen Lage und Kriegshandlungen in der Ukraine zum Trotz zeigte sich der diesjährige Theater-Showcase «theATRIUM» dennoch verhalten optimistisch.
Unter dem Motto «The Bright Side of Dark -ness» präsentierte er elf Highlights des litauischen Theaters: »Vielleicht ist die Dunkelheit nicht völlig pechschwarz?»
Auch Pavlo Arie sucht verzweifelt nach einem Lichtblick – «ein sonniger Tag, es riecht nach Frühling» – angesichts einer überwältigenden, völlig unfassbaren Gegenwart: «Explosionen, ganz real und ganz nah, Fensterscheiben klirren, Brandgestank auf den Straßen.» In seinem «Tagebuch des Überlebens» versucht der ukrainische Dramatiker, Worte für den russischen Überfall zu finden – das Schreiben, «ein Rettungsring». Entstanden ist ein radikal subjektives «Gefühlstagebuch», das die ersten 14 Kriegstage in Kiew ...
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Theater heute November 2023
Rubrik: Festivals, Seite 35
von Anja Quickert
Eines haben die schwedische Akademie und Jon Fosse auf jeden Fall gemeinsam: Sie lassen sich Zeit. Die Ehrung mit dem Literaturnobelpreis erfährt der norwegische Dramatiker und Prosa-Autor gut zwanzig Jahre nach seiner Hochkonjunktur nicht nur auf den deutschsprachigen Bühnen Ende der 1990er, Anfang der Nuller Jahre. Zwischen 2000 und 2006 verging keine Spielzeit...
Was für ein Entree! Der erste Satz der Intendanz Kay Voges’ am Wiener Volkstheater lautete: «Was, hier, in dieser muffigen Atmosphäre?» Es ist der Satz, mit dem Thomas Bernhards Stück «Der Theatermacher» beginnt, und der Satz, mit dem einst auch Claus Peymann seine Direktion am Burgtheater angefangen hatte. Ein Insiderwitz, den in Wien alle verstanden haben; ist ja...
Das Käuzchen schreit, die Fichten leuchten düster im Mondlicht, grobe Mannschaftszelte drängen sich im Halbkreis auf der Lichtung, ein Lagerfeuer lodert vor sich hin. Bär(t)ige Männer greifen nach der Kaffeekanne, stimmen schleppend völkisches Liedgut an (Musik Tristan Brusch), lassen antisemitische Bemerkungen fallen, tragen seltsame Abzeichen am Ärmel. Vorne...
