Paradies Psychiatrie
Dieser Monolog hat ja eine eigenartige soghafte Qualität. Ein Rausch der Brutalität, gehetzt, sprachlich verdichtet und zur mystischen Selbstauflösung überhöht. «Juli» von Iwan Wyrypajew (1974 in Ostsibirien geboren) spielt in naher Zukunft, im Jahr 2013 in der Irrenanstalt von Smolensk. Und es spielt in unseren Tagen; denn der dannzumal 63-jährige Ich-Erzähler mit Namen Peter blickt sechs Jahre zurück auf den Sommer seines Missvergnügens, der muss 2007 gewesen sein, im Stück wird dies alles sehr präzis und als kleine Kopfrechenaufgabe fürs Publikum aufgedröselt.
Es geht also in die unmittelbare russische Gegenwart, und das macht wohl einiges vom Reiz des Textes aus. Ist dies das neue Russland? Diese Orgie der moralfreien Gewalt? Dieser abgebrühte Zynismus? Wyrypajew bedient die verfügbaren Klischees mit Lust, und das von der russischen Gottvatersehnsucht obendrein.
«Verflucht seiest du, elender Juli, in alle Ewigkeit verflucht, Monat Juli!» Da hat Peters Höllenfahrt begonnen. Im Juli ist sein Haus abgebrannt und damit seine Normalität. Zunächst versucht er noch, sich in ein anderes Leben einzunisten: Weil der Nachbar ihn nicht aufnehmen will, sticht er ihn kurzerhand nieder und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
This murder stuff turns you on?», vergewissert sich Wayne, bevor er Brad, dem er sich selbst als Mörder vorschlägt, einen Film zeigt, in dem er an der Ermordung eines Teenagers beteiligt ist. Wir befinden uns mitten in Gisèle Viennes Puppenspiel «Jerk» und in einem Text, den der junge Solo-Performer Jonathan Capedevielle im Publikum verteilt hat. Waynes Frage an...
Zugegeben: ein Stück aus dem Giftschrank der Theaterliteratur, ein Spätwerk Shakespeares (aller Wahrscheinlichkeit nach aus den Jahren 1605 bis 7/8), das er selbst nie aufgeführt hat. Viele Philologen glauben, dass Shakespeare die Arbeit am Werk vorzeitig abbrach, manche gehen davon aus, dass einige Szenen der ersten Druckfassung von 1623 von anderen Autoren...
Krisenzeiten sind Zeiten der Techniker. Mit rasanter Geschwindigkeit und dem Einsatz von anderthalb Bundeshaushalten wurde im schwarzen Herbst 2008 die Geldturbine wieder angeworfen. Noch nie haben sich die Regierenden in Europa und Amerika in so kurzer Zeit einigen und rasch entscheiden können und dabei so große Geldsummen in die Hand genommen. Weder die...
