Nutzlos gießt der Mond sein Licht

Christopher Rüping und das Zürcher Schauspielhaus-Ensemble fragen mit Tschechows Komödie «Die Möwe» nach Sinn und Zukunft des Theaters; die israelische Choreografin Saar Magal inszeniert am Theater Basel «Ein Kafka-Projekt»

Theater heute - Logo

Dieser Kostja kann einstecken. Der Nachwuchskünstler zuckt mit keiner Wimper, wenn seine Mutter, die berühmte Schauspielerin Arkadina, aller Welt vorführt, was für ein Baby er doch ist. Maja Beckmann baut sich gegenüber dem einen Kopf größeren Benjamin Lillie auf, packt sein Kinn, schiebt seine Wangen zu sich herunter, so dass sie die Lippen zum pausbäckigen Kussmund schürzen. Als nächstes greift sie ihm unter den Pulli, rupft das T-Shirt aus dem Hosenbund, fasst ihm anzüglich fast in den Schritt – hoho! – und legt seinen Bauch frei.

Sie geht vor ihm in die Knie, wirft einen genießerisch-verschlagenen Rundblick ins Publikum. Dann holt sie tief Luft, furzt und prustet ihrem Kostja auf den behaarten Bauch, so wie es Mütter mit frisch gewickelten Säuglingen machen.

Christopher Rüping stellt die Hassliebe von Mutter und Sohn in den Mittelpunkt seiner vorläufig letzten Inszenierung am Schauspielhaus. Diese Beziehung hat schon bei Tschechow einen doppelten Boden: als Machtkampf, den die beiden über die Bande unterschiedlicher Kunstauffassungen austragen. Während der hartgesottene Unterhaltungsprofi Arkadina jede Alltagssituation in eine Ego-Show verwandelt, will Kostja ernsthaft das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Rote Nasen in der Arena

Im Hintergrund hört man zu Beginn eine Masse jubeln. Ist es ein harmloses Fußballspiel? Oder sind es die Hinrichtungsexzesse der Französischen Revolution? Egal, in Nadja Sofie Ellers aseptischem Bühnenbild – eine Mischung aus leerem Anatomiesaal und Zirkusmanege – ist die Außenwelt ohnehin nur als fernes, surreales Echo präsent.

Die Revolutionäre leben längst in...

«Sowas nennt man heute Resilienz»

Theater heute «The Silence» ist ein sehr persönlicher Familienbericht aus Ihrer Jugend in Buchholz in der Nordheide. Es enthält zum Teil sehr heftige Anwürfe gegen die Eltern, vor allem den Vater. Wie ist es, so schonungslos über sich und seine Familie zu schreiben? In vorherigen Texten wie «Small Town Boy» (2013) oder «In My Room» (2020) kam die Familienbiografie...

Fixstern Törtchen

Was hat ein Himbeertörtchen mit dem Weltuntergang zu tun? Mit der Zerstörung der Erde durch die Achtlosigkeit des Menschen? Was mit der Selbstgewissheit der Sonne als allmächtigem, mythischem, unerbittlich brennendem, hoch energetischem Fixstern? Was mit dessen absolutistischem Einfluss auf Gedeih und Verderb von allem, was wächst?

In der ersten Szene von Charlotte...