Nicolas Stemann: Wir sind Ödipus
Wie ist es möglich, im Theater angesichts der drängenden ungelösten Probleme in der Welt noch künstlerische Freiheit zu behaupten? Ohne, so müsste man hinzusetzen, dass dies auf Freiheit von Realität und Verantwortung hinausläuft? Es steht die Befürchtung im Raum, dass politisches und soziales Engagement das Theater dümmer und schwächer machen, als es ist. Wenn dies notwendig so ist, dann haben wir in der Tat ein Problem, denn dann wird das Theater in der Folge unter der Last dieser Verantwortung zusammenbrechen.
Dann bliebe tatsächlich nur, sich vor den Zumutungen der Tagesaktualität zu drücken – was letztlich einer Flucht in die Irrelevanz gleichkommt.
Die neue Einfachheit
Wir leben in einer Zeit der einfachen Antworten. Was nicht in einen Hauptsatz passt, überfordert. Was sich nicht mit einem Ausrufungszeichen versehen lässt oder ebensogut mit einem Emoticon ausgedrückt werden könnte, ist verdächtig. Wo die Fundamentalismen den Ton angeben, gibt es nur noch Freund oder Feind, Like oder Dislike. Wo Meinungen produziert werden statt Argumente, bleibt wenig Platz zum Nachdenken.
Dieser Trend hat auch das Theater ergriffen. Aussagen stehen hoch im Kurs. Man interessiert sich weniger ...
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Theater heute März 2016
Rubrik: , Seite 36
von Nicolas Stemann
Marco Reus hat eine Polizistin erschossen und sich mit einem Hippie-Mädchen in einer Lagerhalle verschanzt. Halt, Stop! Das stimmt natürlich nicht. Sieht aber erstmal so aus, wenn das Spiel losgeht auf der Werkstattbühne des Pfalztheaters: Daniel Mutlu in der Rolle des Ex-Bundeswehrsoldaten Daniel C., der seit seinem Afghanistan-Einsatz von seiner Umgebung für...
«Willst du manchmal etwas kaputt machen?», fragt John (Felix Zimmer). Und Cathy (Jessica Ohl) antwortet nicht, Cathy küsst John, mit aller Kraft, die sie in einen Kuss legen kann, als unterprivilegierte, aber aufstiegsorientierte Teenagermutter Ende der Siebziger in Nordengland. Cathy und John küssen sich, und dann machen sie alles kaputt. Er betrügt sie mit ihrer...
Die Jugendstilbühne der Münchner Kammerspiele liegt in tiefem Nebel. Von goldgelbem Licht durchglühte Trockeneisschwaden dampfen aus der Nebelmaschine. Auch der Nieselregen vom Theaterhimmel sowie die federleichten Felsbrocken und Grasbüschel, die fünf hemdsärmelige Arbeiter in diesem hochwandigen Museumsmagazin bereits ausgiebig von vorne nach hinten geräumt...
