Verführte Verführer
An Görings Geburtstag rottet sich das grau gewandete Gefolge des Nazi-Oberbonzen zu einem Opernhausball zusammen. Den Gastgeber spielt Hendrik Höfgen, Intendant der Berliner Staatstheater, Görings Günstling. Der Autor Klaus Mann schreibt das Jahr 1936, er schrieb auch im Jahr 1936, er konnte noch nichts wissen von Holocaust und totalem Krieg, aber er ahnte das Monströse dieser Diktatur, und er kannte einen der unglaublichsten Karrieristen von Berlin aufs Intimste: Gustaf Gründgens.
So entwarf Klaus Mann seinen Roman «Mephisto» als Geschichte eines Zeiten- und Gesinnungswandels.
Die Weimarer Republik wird zum Dritten Reich, eine junge Demokratie zur Diktatur, ein Salonlinker zum Salonfaschisten. Und so entwirft die Zürcher Bühnenfassung von Regisseur Dusan David Parizek die Geschichte beispielhaft: So wie dieser Höfgen sich nach oben mogelt, so schaffen das alle Anpasser und Aufsteiger. Sie müssen nur das Talent haben.
Damit gar keine Missverständnisse aufkommen, verzichtet Parizek im Schauspielhaus Pfauen auf Pomp und Nazi-Devotionalien. Den Aufmarsch der braunen Elite zu Görings Geburtstag erzählt das Ensemble zusammengeklemmt auf einem Podest. Eine Waffenfabrikantengattin ...
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Theater heute März 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 25
von Stephan Reuter
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Wie ist es möglich, im Theater angesichts der drängenden ungelösten Probleme in der Welt noch künstlerische Freiheit zu behaupten? Ohne, so müsste man hinzusetzen, dass dies auf Freiheit von Realität und Verantwortung hinausläuft? Es steht die Befürchtung im Raum, dass politisches und soziales Engagement das Theater dümmer und schwächer machen, als es ist. Wenn...
Stefan, ein beflissener Abendkurs-Deutschlehrer, hat sich hart an die Belastungsgrenze geschuftet. Sein regulärer Job ist dabei nicht das Problem; schweißtreibend sind die ehrenamtlichen Nachtgedanken. «Wie kann ich den Konflikt im Nahen Osten lösen?», kreiselt es im Kopf des Neuköllner Jung-Pädagogen. Seine Schüler, deren Biografien buchstäblich vielseitig mit...
