Neue Grenzen der Kunst?

Der Skandal um Antisemitismus auf der documenta fifteen – ein Versuch zur Differenzierung

Wligion, Kultur, Hautfarbe oder den Symbolen persönlicher Selbstbestimmtheit. Und antisemitische Darstellungen in «Stürmer»-Manier werden auch dadurch nicht ins Harmlose relativiert, dass Taring Padi in einem Statement zu ihrem Werk diese im Kontext anderer herrschaftskritischer Karikaturen verstehen. 

Besorgniserregend an der Antisemitismus-Debatte zur documenta war zudem, was im Vorfeld die Stimmung erst so erhitzt hatte.

Über Monate wurde eine immer schärfer geführte Anklage gegen die Macher der documenta fifteen aufgebaut, die mit diesem einzelnen Ausweis antisemitischer Denkmuster dann auf tragische Weise bestätigt schien. Die Methodik der dabei verwendeten Argumente war allerdings geprägt von einer rhetorischen Figur, die gezielt differenzierte Betrachtung zu verunglimpfen suchte. 

Denn die Konstruktion des Vorwurfs, das ebenfalls aus Indonesien stammende Kuratorenkollektiv Ruangrupa, das die 15. Ausgabe der documenta entwickelt hatte, lasse bei ihrer Einladungspolitik antisemitische Tendenzen zu, ja schon die Auswahl der Gruppe durch ein Gremium von Kunstexperten mit angeblich antisemitischen Ansichten habe diese Beweggründe gehabt, folgte einer Ansicht, die aber selten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2022
Rubrik: Bildende Kunst, Seite 44
von Till Briegleb

Weitere Beiträge
Gründeln an der Oberfläche

Die deutsche Mittelschicht hat schon bessere Tage erlebt. Anton Jella von der Wohnung ganz oben, 40 Jahre lang Kassierer bei der Sparkasse, hat sich umgebracht. Vorher durfte er noch ein paar Wochen den Kunden an den Bankautomaten helfen, nachdem sein Job gestrichen wurde. Architektin Elly (Philine Bührer) ist arbeitslos und redet sich das als neue Chance zur...

Rumstehen, Plaudern, Trinken

Zum Beispiel das Kraftwerk Bille. Das liegt in Hammerbrook, im industriellen Hamburger Osten weitab von kultureller Infrastruktur und ÖPNV, ein riesiges, verwinkeltes Fabrikensemble aus dem späten 19. Jahrhundert, das seit dem Ende des Kraftwerksbetriebs weitgehend leersteht. Manchmal bespielt die freie Theaterszene hier Räume, allerdings auf eher prekärem Niveau:...

Angst, die Nächsten zu sein

Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango», lautet die Inschrift auf vielen christlichen Kirchenglocken: «Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.» – Diese Zeilen stellte Friedrich Schiller auch seinem Lyrik-Klassiker «Das Lied von der Glocke» (1799) voran. «Als Motto für ein Festival in Zeiten nach der Pandemie erschien uns Vivos voco...