Neue engagierte Kunst
Was ist das größere Verbrechen: in eine Bank einzubrechen oder eine Bank zu gründen? Was ist der größere Skandal: Flüchtlingsleichen nach Deutschland zu karren und zu beerdigen oder diese Toten verschuldet zu haben? Darf man ein Gespräch über Bäume führen, wenn die Welt sich von Krise zu Krise hangelt oder muss man all sein künstlerisches Können in den politischen Kampf einbringen? Wer ist besser geeignet, entfremdete Verkäuferinnenarbeit zu zeigen und zu analysieren – die Verkäuferinnen selbst oder Regisseure/Dramaturgen/ Schauspieler? Wer spricht für wen, wer darf wen repräs
entieren, mit welchem Recht – und wer bleibt unrepräsentiert?
Was vor rund fünfzehn Jahren als Trend, das «echte Leben» auf die Bühne zu holen, begann, hat sich vor dem Hintergrund tiefgreifender politischer, sozialer und wirtschaftlicher Krisen vielfach in das Bedürfnis verwandelt, sich selbst und oft sehr konkret mit seiner Kunst in das «echte Leben» einzumischen. Nicht die Bühnenbretter bedeuten mehr die Welt, sondern draußen gilt es, mitzumischen. Der «social turn» vor allem in den Bildenden Künsten ist – wie die Kunsthistorikerin Claire Bishop analysiert hat – auch eine Wende hin zum Performativen: Oft ...
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Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Das Recht der Kunst, Seite 88
von Florian Malzacher
Es gibt Dinge, die kann man nicht oft genug sagen. Guten Tag, zum Beispiel. Wer höflich ist, sagt das ziemlich oft.
Dusan David Parizek kann ausgesucht höflich sein. In seinen Inszenierungen, die seit bald fünfzehn Jahren an den großen deutschsprachigen Häusern zu sehen sind, sagen deshalb Schauspieler zu Zuschauern «Guten Tag», nicken den Besuchern zu und stellen...
TH Das Theater lebt von Konflikten. Dabei wird leicht übersehen, dass Konflikte nicht nur trennen, sondern auch verbinden: Man ist sich zumindest über das Problem einig. Wir wollen aber einen Schritt weitergehen und ganz direkt nach Konsens fragen. Was ist der Konsens-Kitt in unserer hoch arbeitsteiligen, funktional differenzierten Gesellschaft, was hält 80...
Geflüchteten Menschen die Bühne zu überlassen, damit sie für sich selbst sprechen können, scheint das probate Mittel zu sein, um als Theater auf die untragbare Situation der Geflüchteten in Europa reagieren zu können. Dass sich diese Haltung weitgehend durchgesetzt hat, rührt auch von der verstärkten Selbstrepräsentation der Geflüchteten her, die in Protestcamps in...
