Narzisstische Nervenspektakel
Mit diesem bürgerlichen Trauerspiel ist es eine komplizierte Sache. Seit Fritz Kortners vielgerühmter Inszenierung von 1970 gilt es als ausgemacht, dass Galottis Tochter den Prinzen von Guastalla «liebt», in ihn verknallt ist oder wie immer wir dieses eigentümliche Nervenspektakel einer widersinnigen Anziehung nennen wollen.
Das macht allerdings weder die Deutung des berühmten Monologs der Emilia in der vorletzten Szene einfacher noch die Aufgabe für die Darstellerin dieser Rolle weniger komplex.
Sollen wir im Ernst annehmen, dass Emilia in naher Zukunft, nach ein bisschen Verführungsarbeit im «Haus der Freude» mit dem Prinzen ins Bett hüpft, im Bewusstsein, dass derselbe Prinz den Tod ihres Bräutigams zu verantworten hat? Hat nicht auch die Verführungsgewalt ihre Grenzen, sollte sich nicht die Abscheu vor der Niedertracht eines Menschen lusthemmend auswirken können? Mit den besten aufklärerischen Absichten, entschieden auf seinen Lieblingsgegenstand des vorauseilenden Gehorsams fixiert, hat Lessing die Glaubwürdigkeit seiner Titelheldin doch ziemlich strapaziert.
Robert Schusters asketische Inszenierung sagt zu solchen Spekulationen nicht ja und nicht nein; immerhin scheut sie ...
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