Es muss auch solche geben
Sechs Jahre ist es her, dass im Dezember 2000 der damals noch weitgehend unbekannte Michael Thalheimer am Hamburger Thalia Theater den denkwürdigen Anfang einer kleinen «Liliom»-Renaissance des 21. Jahrhunderts machte: Auf minutenlange Bewegungslosigkeit des hemdsärmeligen Protagonisten, die schließlich in einem seltsamen Schütteln der Arme, unwillkürlicher Ausdruck von Überdruss und Ratlosigkeit eines entfremdeten Subjekts, gipfelte, folgte ein mindestens ebenso langes Stroboskopgewitter lebensverwaltender (und -begrabender) Alltagspiktogramme.
Später durfte ein dumpf in seiner Verletzlichkeit vor sich hin brütender Peter Kurth vor dem neugierig starren Blick der blutjungen Fritzi Haberlandt symbolisch in ein Taschentuch wichsen, was den ehemaligen Bürgermeister der honorigen Hansestadt Klaus von Dohnanyi prompt zu dem berühmten Ausruf «Das ist doch ein anständiges Stück. Das muss man doch nicht so spielen» provozierte.
Immerhin schien es also noch Reibungspunkte zu geben zwischen einer schmutzig-romantischen Vorstadtlegende aus der Endphase eines zerfallenden k. u. k.-Imperiums und unserem bereits zu Beginn sexuell wie sozial ernüchterten Jahrhunderts der bürgerlichen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Kalte Böen peitschen durch die Spitalerstraße, die schnurstracks vom Hamburger Hauptbahnhof zum Thalia Theater führt, das letzte Aufseufzen von Orkan Kyrill, der zwei Tage zuvor Europa in Aufruhr und Stillstand versetzt hatte. Im Wind schwankt ein glatzköpfiger Typ, nicht jung, nicht alt, ein riesiges Holzkreuz in der Hand. Mit donnernder Stimme brüllt er gegen den...
Seit einigen Jahren ist es in New York alltäglich geworden, schlechtes Theater zu sehen. Nicht nur vor den wirtschaftlich rentablen, kulturkonservativen Wohnzimmerdramen und touristentauglichen Musicalproduktionen muss man sich in Acht nehmen. Auch wenn das Stichwort «Avantgarde» fällt, ist Vorsicht geboten. Peinliche Abende in stickigen Bühnenräumen in...
Links und rechts hängen, stehen und ticken sie: Wanduhren, Standuhren, Kuckucksuhren aus Holz, Metall, Plastik. Hier hat jemand nicht nur Omas Dachboden ausgeräumt, sondern auch gleich den ihrer Nachbarn und Bekannten. Agnes heißt die Frau, die sich auf kleinteilige Nachlassverwaltung spezialisiert hat. Gelangweilt von ihrem Leben mit Mann und Tochter in spießiger...
