Nach dem posttraumatischen Theater

Philipp Preuss kann gut verstehen, warum jedem Ende ein Zaudern innewohnt

Theater heute - Logo

Als ich im Jahr 2004 im Schauspielhaus Bochum in einen Lift auf den Weg nach oben Richtung Intendanz stieg, stand da ein Edding-Graffiti: «Don’t cry – work». Schon damals fand ich diese neoliberale Selbstausbeutungsdevise ziemlich strange und widerlich. Der Spruch passte perfekt in ein Haus mit brüllendem Intendantenchef, der später die Schauspielstudentinnen mit der Theaterlimo abholen ließ, und delirierenden Regisseuren, die ihre Angst und Soziopathie am besten mit einem genialischen «Du Fotze!» wegbrüllten.

 

Und wollten nicht viele Schauspieler:innen genau diese brüllenden Ansager? Ist nicht eine der größten Ängste die Angst vor der eigenen Freiheit? Wie oft wollten wir als Produktionsteam arschlochfreie Probezonen schaffen. Die Reaktionen waren: «Der weiß ja gar nicht, was er will.» – «Wir brauchen Ansagen.» – «Schauspieler sind Pferde, du musst sie zureiten.» Mag sein, die zynischen Arschlö -cher der Macht sind fast alle weg. Na ja, nicht alle, einige sind schon länger Intendanten, als Merkel Kanzlerin war, und verkaufen sich immer noch als Ensemble-Vor- und -Versteher, und bei den vielen Vielfachverdienstmöglichkeiten gibt es ja auch allerhand zu verlieren für manchen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Transformation, Seite 58
von Philipp Preuss

Weitere Beiträge
Wirklich ein wunderbarer Freistoß

Achtsamkeit ist eine Tugend, die in allen Lebensbereichen Anwendung finden darf: nicht nur in den privaten Gefilden, sondern unbedingt auch im öffentlichen Raum und im Berufsleben. Im Sport, insbesondere im Fußball, mögen große Emotionen öfter hochkochen als im allgemeinen Durchschnittsalltag. Aber selbst Profifußballer sind Menschen, die in ihrem Leben darauf...

Rückkehr der Angst

Ich bemerke, dass sich eine Menge bewegt und verändert in den Theatertankern des deutschen Stadttheaters. Institutionell und künstlerisch. 

Themen, die lange keine Rolle spielten, ebenso wie neue, alternative Beschreibungen von Geschichte und Gesellschaftsverhältnissen bestimmen die Spielpläne der Stadttheater genauso wie die Werbeplakate der Industrie. Menschen,...

Milch und Blut und Samen

Endlich ist sie vorbei, die Zeit, in der Frauen «schön schöpfend und in der Erschöpfung schön» sein müssen. Martina Clavadetscher, die für ihren Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, entwirft in ihrem zweiteiligen Auftragswerk für das Schauspiel Bern «Bestien, wir Bestien» eine Welt in der Zukunft, in der Frauen...