Auf der Schweineseite

2011 war Lina Beckmann schon einmal Schauspielerin des Jahres, damals noch als Ensemblemitglied am Schauspiel Köln. Mittlerweile spielt sie am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und wird ausgezeichnet für ihre exzessive, genderqueere, mehrfach um die Ecke gedachte Interpretation von Shakespeares Horrorclown Richard in Karin Henkels «Richard the Kid & the King». Ein Gespräch über deformierte Seelen, groteske Körper und Fremdheit beim TV-Dreh Von Falk Schreiber

Theater heute - Logo

Falk Schreiber Lina Beckmann, ich möchte zunächst über Karin Henkels Shakespeare-Überschreibung «Richard the Kid & the King» am Hamburger Schauspielhaus reden, in der Sie die Hauptrolle spielen.

Was ist dieser Richard eigentlich für eine Figur? Warum ist der so, wie er ist? 
Lina Beckmann Eine Frage, die wir uns gestellt haben, ist: Wird jemand so, wie er ist, weil ihn alle falsch behandeln, oder ist er schon von vornherein so, und er wird deswegen falsch behandelt, weil er irgendetwas in seiner Seele oder in seiner Aura hat, dass die Leute sagen: «Ich lehne diesen Menschen ab»? Und kommen seine monströsen Gedanken daher, dass er deformiert in seiner Seele ist oder wurde er deformiert? Wir haben auf diese Fragen keine Antworten gesucht, sondern haben versucht, beides zu beleuchten. Wie weit geht jemand, wenn er denkt: «Ich zeige euch jetzt, wer ich sein kann! Ihr habt mich alle unterschätzt!» Ich finde, das Spannende daran, Richard zu spielen, war eigentlich seine enorme Chuzpe. Sein Mut, so weit zu gehen, obwohl er vielleicht furchtbar einsam ist und auch furchtbar verletzlich. Es gibt Menschen, die an so einer Situation eingehen, aber nicht Richard. Der erschafft da etwas für ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Höhepunkte des Jahres, Seite 102
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Was von einer perfekten Pommes übrigbleibt

Das ist die Geschichte einer Heimkehr. Wer kennt das nicht, erst einmal sprudeln vor Nostalgie und im zweiten Moment vor der Spießigkeit der unterschiedlichen Rasenmähergeräusche in die Knie gehen. Die Eigenwahrnehmung wird wieder auf Reset gesetzt, zurück in die Kindheit, zurück nach Hause, wo alles beim Alten geblieben ist. 

In Fabienne Dürs «Gelbes Gold» kehrt...

Grenzen verschieben

Mein 20-jähriges Ich schreibt in einer Bewerbung an die Studienstiftung des deutschen Volkes: «Ich hoffe, dass Theater politisch und gesellschaftlich wirken kann, weiß es aber nicht. Es geht nicht um eine perfekte Einzelleistung, sondern um das große Ganze, um das gemeinsame Ringen um Wahrheit. Dieses unendliche Bedürfnis, gemeinsam Grenzen zu verschieben.» 

Desweg...

Allerbeste Nachrichten!

Fangen wir mit den schwierigen Nachrichten an: 15 Kritiker:innen ist dieses Jahr kein Haus eingefallen, das sie guten Gewissens zum «Theater des Jahres» küren möchten. Ist die Branche erschlagen von pandemiebedingt angestauter Premierenfülle, vielen Ausfällen und Unsicherheiten? Oder ist nach halbwegs überstandenem Corona-Desaster eigentlich jede Bühne ein Sieger?...