Der Blick nach innen
Ich habe das Theater immer sehr geliebt, und dennoch gehe ich fast nie mehr hin. Das ist ein Wandel, der mich selbst befremdet. Was ist geschehen? Wann ist es geschehen? Habe ich mich verändert? Oder das Theater? Liebe ich es nicht mehr, oder liebe ich es zu sehr?», fragt sich der ehemalige leidenschaftliche Theater -gänger Roland Barthes, als er sich, älter geworden, von seinem Lieblingsmedium abwendet.
Barthes schrieb über die Theateravantgarde in Frankreich nach dem Mai ’68, über «die Avantgarde als Impfstoff» oder «Avignon im Winter», aber vor allem schrieb er über das, was er verehrte: das epische Thea -ter von Bertolt Brecht. Seit den 1960er Jahren war dann Schluss damit, er ging nicht mehr ins Theater, er schrieb nicht mehr darüber. Hatte er gesehen, was es zu sehen gegeben hat?
Ungefähr zur gleichen Zeit wird in Frankfurt am Main ein Stück namens «Publikumsbeschimpfung» aufgeführt von einem damals noch unbekannten (und heute zu Recht sehr umstrittenen) Autor namens Peter Handke.
Es wurde uraufgeführt von einem Regisseur, der sich heute selbst einer «Intendantenbeschimpfung» ausgesetzt sieht, Claus Peymann. Doch damals, kurz vor den Protesten der 1968er Bewegung in ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Neue Stücke, Seite 146
von Valerie Göhring
Mein 20-jähriges Ich schreibt in einer Bewerbung an die Studienstiftung des deutschen Volkes: «Ich hoffe, dass Theater politisch und gesellschaftlich wirken kann, weiß es aber nicht. Es geht nicht um eine perfekte Einzelleistung, sondern um das große Ganze, um das gemeinsame Ringen um Wahrheit. Dieses unendliche Bedürfnis, gemeinsam Grenzen zu verschieben.»
Desweg...
Endlich ist sie vorbei, die Zeit, in der Frauen «schön schöpfend und in der Erschöpfung schön» sein müssen. Martina Clavadetscher, die für ihren Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, entwirft in ihrem zweiteiligen Auftragswerk für das Schauspiel Bern «Bestien, wir Bestien» eine Welt in der Zukunft, in der Frauen...
Eleonore Garazzo lebt allein, arbeitet als Immobilienmaklerin und hat längst finanzielle Unabhängigkeit erreicht. An einem Septembertag entdeckt sie, dass sie eigentlich eine Katze ist. Es ist eine Entdeckung, keine Entscheidung, und später wird sie sagen, dass sie sich das nicht ausgesucht habe. Sie blickt schlicht auf ihr bisheriges Leben zurück und bemerkt, dass...
