Mülheim: Trauer-Expeditionen

Roberto Ciulli «Boat Memory – Das Zeugnis», Kollektiv Anagoor «Sokrates der Überlebende/Wie die Blätter»

Theater heute - Logo

Vier Jahre nach der großen Flüchtlingsankunft ein großes Flüchtlingsstück zu inszenieren, grenzt an Wagemut. Seitdem die europäische Abschottungspolitik effizient und erbarmungslos geworden ist, hören wir auf Bühnen kaum noch davon, auserzählt und abgestumpft wirken die theatralischen Empathie-Bekundungen von 2015.

Wenn sich Altmeister Roberto Ciulli in ­«Boat Memory – Das Zeugnis» nun theatralisch jenem Thema widmet, das Deutschland so fundamental gespalten hat, geschieht das nicht als wohlfeiles Mitleidsprojekt und trägt doch dokumentarische Züge: Inspiriert wurde Ciulli von der mailändischen Forensikerin Cristina Cattaneo, die sich seit 2013 der Identifizierung von Opfern großer Schiffsunglücke vor Lampedusa widmet, um ihnen Würde und Namen zurückzugeben – Ende 2020 kommt ein Dokumentarfilm über sie in die Kinos. 

Ciullis «Boat Memory» wird zu einer Art forensischem, kathartischen Kunst-Projekt. Auf der Bühne liegt ein gestrandetes Bootsgerippe auf einer Wasserfläche. Minutenlang schweigen die Darsteller als Wissenschaft­lerinnen in Sezierschürzen und Langhaarperücken voller Ehrfurcht und Schrecken vor der «Crime Scene», dem Ort des Verbrechens. Still beginnen sie dann ihre ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2020
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Dorothea Marcus

Vergriffen
Weitere Beiträge
Theatergeschichte: Hegemoniale Strukturen

Unter dem schönen Titel «Dokumente, Pläne, Traumreste» präsentiert der Leiter der Theaterwissenschaftlichen Sammlung Köln, Peter W. Marx, im Alexander Verlag einen attraktiven, sehr bunt zusammengewürfelten Band zum 100-jährigen Jubiläum der Sammlung. Doch dem Titel werden viele der genderspezifisch und politisch zweifellos korrekt formulierten Textbeiträge von...

Die deutsche Hütte

Susanne Sachsse ist irgendwie der Star des Abends: Mit ihrer Paraphrase des schwarzpädagogisch-klassischen Grimmschen Märchens vom eigensinnigen Kind, das seiner Mutter nicht gehorchte und daher auch dem Herrgott nicht gefiel, der es sterben ließ und das nach der Beerdigung im­mer wieder ein Ärmchen aus dem Grab reckt, als hätte es ihm Stephen King vorgesungen,...

Brecht: Denken über Grenzen

Die Beziehung hat sich aufgewärmt. Seit zehn Jahren feiert Augsburg seinen unbequemen Sohn Bertolt Brecht, meist mit künstlerischer Unterstützung aus Berlin. Nach Patrick Wengenroth, der das Brechtfestival von 2017 bis 2019 kuratierte und für neue Spielformen öffnete, haben heuer Jürgen Kuttner und Tom Kühnel die Leitung übernommen und neben anderem gleich einmal...