Arbeit am Hass
Wer oder was ist schuld am Faschismus? Spontan fallen einem eine ganze Reihe möglicher Ursachen ein. Auf eine wäre man jedoch nicht so leicht gekommen: die verheerende Wirkung des Schlagers, die der Berliner-Ensemble-Dramaturg Bernd Stegemann mit Rückgriff auf Theodor W. Adorno ausmacht.
In seinem Programmheftaufsatz zu Michael Thalheimers «Katzelmacher»-Adaption analysiert er unbeleckt von jeder Poptheorie die Wirkung der Schnulze: «Das Schlüsselloch ins Paradies, als dass die Minuten des Schwelgens im gemieteten Gefühl erscheinen, entpuppt sich als Schloss der Kerkerzelle, in der das eigene Leben umso entfremdeter feststeckt, je falscher es sich herausträumt. Schlager hören und Ausländer verprügeln passen in der Katzelmacher-Welt perfekt zusammen. Aus den kitschigen Gefühlslügen entsteht in letzter Konsequenz der Faschismus.»
«Katzelmacher», so wurden vor 50, 60 Jahren in Bayern die italienischen Gastarbeiter genannt. Der 23-jährige Rainer Werner Fassbinder schrieb 1968 das gleichnamige Stück in Anlehnung an Marieluise Fleißers kritisches Volkstheater und verfilmte es ein Jahr später in spartanischen Einstellungen mit Darsteller*innen seines antitheaters. Neun verklemmte, ...
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Vier Jahre nach der großen Flüchtlingsankunft ein großes Flüchtlingsstück zu inszenieren, grenzt an Wagemut. Seitdem die europäische Abschottungspolitik effizient und erbarmungslos geworden ist, hören wir auf Bühnen kaum noch davon, auserzählt und abgestumpft wirken die theatralischen Empathie-Bekundungen von 2015. Wenn sich Altmeister Roberto Ciulli in «Boat...
Die Universität Gent hat im März Milo Rau, dem Leiter des NT Gent, die Ehrendoktorwürde verliehen. Universitätsrektor Rik Van de Walle erinnert sich bei dem Festakt noch genau, wie beeindruckt er im September 2018 war, als er Raus «Die Wiederholung» sah: «Ab diesem Moment war mir klar, dass wir Milo eines Tages ein Ehrendoktorat verleihen würden.» Die Universität...
Ich sitze in der letzten Maschine aus Teheran. So sieht es aus. Den Flughafen habe ich immer gehasst. Der Teheraner Flughafen IKA, weit entfernt von der Stadt in einer Wüstenlandschaft, hat nichts zu tun mit dem Teheran, das ich kenne, ist aber meine Verbindung in den Iran. Heute Nacht kriegt er von mir mehr Mitleid als Hass. Denn nun sitze ich neben vielen Iranern...
