Der antike Blick

Wann der dritte Band von Günther Rühles legendärem Mammutprojekt einer Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts erscheinen wird, ist offen. Aber einzelne Kapitel sind abgeschlossen. Zum Beispiel Einar Schleefs Frankfurter Jahre!

Theater heute - Logo

Das «andere» DDR-Theater – auf den Weg gebracht von Heiner Müller – hatte noch eine starke Kraft im Westen: Das war der Junge aus Sangerhausen, Einar Schleef, dem man 1975 am Berliner Ensemble seine und B.K Tragelehns «Fräulein Julie» verboten hatte. Seit zehn Jahren war er in West-Berlin. Sie waren zum Teil ausgefüllt mit der Niederschrift von «Gertrud» und eigenen Stücken wie «Berlin – ein Meer des Friedens». Versuche, in Wien, in Düsseldorf wieder Fuß zu fassen, waren – Proben abgebrochen – misslungen. Fast schien er dem Theater verloren.

In Frankfurt/Main hatte er 1985 bei Intendant Günther Rühle dann doch endlich den Platz gefunden, wo er in geschützter Unruhe arbeiten konnte (der Autor dieses Textes schreibt hier der besseren Distanz halber von sich in der dritten Person, Anm. d. Red.). 

Frankfurt war die Stadt seines Vaters, ihn mäntelte die Erinnerung. Schleef brauchte absolutes Vertrauen und Freiheit für seine architektonische Kraft und Fantasie. Fünf Jahre lang, sechs Inszenierungen: In diesem Wage- und Willensstück von beiden Seiten hat Schleef sein Theater entworfen, erprobt und behauptet, das – wie es sich auch immer aus Erfahrungen und Formen eines widersetzlichen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2021
Rubrik: Theatergeschichte, Seite 30
von Günther Rühle

Weitere Beiträge
Bereit für den Tag X

In Bochum gibt es das Bermuda-Dreieck. Das ist eine ballermannähnliche Kneipenmeile zwischen Bahnhof und Schauspielhaus – jetzt in Corona-Zeiten eher desolat und leer. Ein paar hundert Meter weiter hat man eher das gegenteilige Problem, nämlich zu viel: Inszenierungen, die wie ein hartnäckiger Ballast in den Köpfen aller Beteiligten herumschwirren, die nicht...

Im politischen Raum

Theater heute Gratulation zur Wahl des Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins! Das ist eine sehr spannende Position, weil Sie damit auch institutionell zwischen den Stühlen sitzen. Denn der Bühnenverein ist einerseits die Versammlung der Rechtsträger der Bühnen, also der Länder und Kommunen, die die öffentlichen Theater tragen und zum Großteil auch finanzieren....

Theaterbuch:Die erste Pause

Ertappt. Nach über 200 Seiten, die sich angenehm lesen, weil die Autor*innen so oft recht haben, so menschenfreundlich sind und so reflektiert, platziert der Dramatiker Jörg Albrecht einen kleinen fiesen Treffer direkt in die Magengrube. Genauer: dorthin, wo das schlechte Gewissen wohnt. In seinem Beitrag, der den Band «Lernen aus dem Lockdown? Nachdenken über...