Mon petit Würgeschatzerl
Akkurat geschnittener schwarzer Pagenkopf, bleiche Haut und dramatisch geschminkte Augen: Wüsste man nicht, dass Burg-Star Birgit Minichmayr sich da als Zofe am «Vampyr»-Staubsauger – diese Marke kam tatsächlich 1924 von AEG auf den Markt – in einem abgerockten Wiener Hotel betätigt, würde man glatt meinen, in einem Stummfilm gelandet zu sein. Vorbild: Louise Brooks. Überhaupt gibt es in Ulrike Ottingers barock-oppulentem Vampirkostümfilm «Die Blutgräfin» viel zu sehen.
Es wurde nicht nur ein internationales Staraufgebot aufgefahren, die penible Ausstattung (Kostümbild Jorge Jara, Szenenbild Christina Schaffer) lässt sogar Wes Anderson als Puristen erscheinen.
Der französische Filmstar Isabelle Huppert stapft als Erzsébet Báthory, eine sagenumwobene ungarische Adelige aus dem 16. Jahrhundert, in eng anliegenden monochromen Kleidern durchs Set als wäre sie in einer Balenciaga-Werbung. Outrieren scheint ausdrücklich erwünscht von der Regie. Beim Wiedertreffen der Gräfin, die sich schon seit Jahrhunderten durch das Blut junger Mädchen am Leben hält, und der Zofin, von Minichmayr in breitem Wienerisch gespielt, blitzt Elfriede Jelineks Lust am Sprachspiel auf – sie hat am Drehbuch mitgeschrieben. «Mon petit Würgeschatzerl!», ruft die Blutgräfin verzückt.
Die beiden machen sich auf eine Odyssee durch ein morbides Wien, das zeitlich nicht einzuordnen ist. Man irrt zwar im brutalistischen U-Bahn-Schacht am Schottenring herum, aber fährt am liebsten mit der Pferdekutsche durch den ersten Bezirk über Kopfsteinpflaster. Ihre Mission: Ein Buch zu finden, das Vampire zu Tränen rührt – und dadurch zu Sterblichen werden lässt. Ihre abenteuerliche Schnitzeljagd führt sie an sämtliche Orte, die Wien als morbide Metropole alle Ehre machen: den Narrenturm, im 18. Jahrhundert als «Irrenanstalt» errichtet, heute Museum einer gruseligen pathologisch-anatomischen Sammlung, die Kaisergruft, Grabstätte der Habsburger, die Pestsäule am Graben, die Geisterbahn im Prater – und etwas außerhalb der Stadt die pompöse Heldenberg-Gruft. Aber auch im restlichen Wien wird Nostalgie zelebriert: Natürlich sitzt man im legendären, in die Jahre gekommenen Café Hawelka, in dem die inzwischen verstorbene Chefin früher ungefragt ihre Buchteln servierte. Ottinger und ihr Kameramann Martin Gschlacht überziehen alles mit einer schönen Patina. Die Farben sind satt, die Orte sind in die Jahre gekommen: Wien in seiner ganzen schmuddeligschlampig-morbiden Pracht.
Putzige Vampire
Man kann sich an dieser Bilderwut eine zeitlang gut erfreuen. Aber je länger der Film dauert, desto mühsamer wird auch die ständige Witzelsucht – und der fehlende Inhalt, der durch Detailreichtum kompensiert werden soll. Durch das Werk von Elfriede Jelinek ziehen sich Wiedergänger und Untote als roter Faden, sie stehen für die verdrängte Geschichte, den Nationalsozialismus, der unsichtbar weiterwirkt. Bei Ottinger ist alles bunt und harmlos. Ihre Vampire sind putzig wie ihre Namen: Baron Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau, der Vegetarier in in der Familie (Thomas Schubert), Theobald Tandem, Therapeut (Lars Eidinger).
Vampirgeschichten werden spannend durch neue Lesarten, seien es feministische Aspekte oder wie in der TV-Serie «True Blood», dass Vampire durch eine künstliche Blutkonserve in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Man hätte sich auch mit der realen Erzsébet Báthory auseinandersetzen können, die je nach Interpretation als frühe Serienkillerin ihre Dienstmädchen gefoltert und ermordet hat oder Opfer einer politischen Intrige ihrer Zeit geworden ist. Nichts davon bei Ottinger, der Film wirkt wie ein Besuch im Museum: leblos und verstaubt. Daran ändert auch wenig, dass ESC-Gewinnerin Conchita Wurst ihren Song «Rise Like a Phoenix» in der Heldengruft schmettern darf.
«Völlig entleerte Opfer!», ruft ein Zeitungsjunge ausgerechnet vor der Strudelhofstiege. Natürlich gibt es auch ein Detektivduo, welches der Gräfin auf der Spur ist, und verknöcherte Vampirforscher veranstalten ein Symposion. Das Buch wird am Ende gefunden, nach einem Dinner im Riesenrad, das Lars Eidinger das Leben kostet, und wahrscheinlich wird Bubi, der melancholische Vegetarier, durch seine Tränen, die auf die Seiten tröpfeln, erlöst von seiner Unsterblichkeit. Aber das lässt der Film offen, während die Blutgräfin spektakulär wie ein roter Komet über den Himmel saust. Ein weiterer Sieg der Ausstattung über den dünnen Inhalt.
Seit 29. Oktober im Kino
Theater heute November 2026
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Karin Cerny
Es ist eine der am seltensten gespielten Tragödien von Sophokles, und eine seiner erstaunlichsten: «Die Trachinierinnen», die Frauen (eigentlich Mädchen) von Trachis. Der Luzerner Altsprachler Kurt Steinmann, Spezialist für lebensnahe Klassiker-Übertragungen (vgl. das Porträt in TH 6/2021), hat sie für eine Zürcher Inszenierung von Jossi Wieler neu übersetzt, diese hat der Basler...
Nicht nur das Rasendreieck vor der Volksbühne sieht aus wie eine Festivalwiese, der ganze Rosa-Luxemburg-Platz hat sich gefüllt zur offiziellen Umsonstund-draußen-Eröffnung des Theaters an einem lauen Abend im Herbst. Intendant Matthias Lilienthal wuselt nervös in rotem T-Shirt durch die Massen, verspricht Journalist:innen Pommes nach dem «House wash» von Florentina Holzinger. Endlich...
Diese Oper solle «so prunkvoll» sein, «wie nur Bettler sie erträumen», forderte Brecht: Dem folgen die Zürcher aufs Wort. Nicht in der Opulenz der Ausstattung, aber der Performance: Da holt das fulminante Ensemble mit Regisseurin Pınar Karabulut heraus, was herauszuholen ist. Bei Hauptmann, Brecht, Weill und im woken Zürich von heute.
«Kärglich», das ist das Schlimmste. «Kärglich» sei die...
