Foto: picture alliance / dpa
Milo Rau: Die Menschheit ist eine Schicksalsgemeinschaft
Vor ein paar Tagen saß ich mit der Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe zusammen, um über die «General Assembly» zu sprechen, die wir im November in Berlin veranstalten: den Entwurf eines Weltparlaments, das drei Tage dauern wird, mit 60 Abgeordneten aus der ganzen Welt, einem Ältesten- und einem Expertenrat, zu dem auch Chantal gehören wird. Dieser Rat wird am Ende der drei Tage eine «Charta fürs 21. Jahrhundert» verfassen.
Eine Methodologie für ein Parlament, das – wie einst in der französischen Revolution die «Assemblée Générale Constituante« – nicht die partikularen Interessen einer durch historische Zufälle zu Privilegien gekommenen Gruppe, sondern der ganzen Gesellschaft vertritt: des globalen «Dritten Standes». Die «General Assembly» wird also kein lokales wie das deutsche oder auf einen einheitlichen Wirtschaftsraum zugeschnittenes Parlament wie das EU-Parlament sein, sondern ein Weltparlament.
Der strukturelle Widerspruch zur Zeit der Französischen Revolution bestand zwischen der gesellschaftlichen und politischen Realität einer Ständegesellschaft und einem national, in Ansätzen bereits international orientierten Merkantilismus – der natürlich weder Stände noch Völker ...
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Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Der ideale Staat, Seite 8
von Milo Rau
Sie werden erkennen, dass es eine Utopie ist, die Gleichheit der Lebensbedingungen anzustreben,
dass die Gleichheit nur besteht in der Freiheit der Persönlichkeit, und dass
diese Freiheit gerade die Ungleichheit der Individuen in der Gemeinschaft voraussetzt.
«Auf zwei Planeten»/Kurd Laßwitz
Aperitivo
Man kann über den idealen Staat nachsinnen in der sterilen...
Ich kann diesen Satz nicht lesen. Ich kann versuchen, ihn auszusprechen, aber das klingt albern. Ich spreche kein Deutsch, noch nicht. Ich schreibe für eine Sprache, die ich nicht beherrsche oder die ich mich weigere zu beherrschen, kommt drauf an, wen man fragt. Eine Sprache, in die Irina für mich übersetzen muss. Ich vermeide es, in meiner Muttersprache zu...
Während des stalinistischen «Großen Terrors» wurden in der Sowjetunion von 1936 bis ’38 rund 1,5 Millionen Menschen verhaftet – ein Prozent der Bürger. Davon wurden 750.000 erschossen, mit oder ohne Schauprozess, bis zu 200.000 weitere starben in der Lagerhaft. Diese groben, entsetzlichen Fakten sind bekannt. Über die Details gibt es zwar Bibliotheken voller Bücher...
