Ersan Mondtag: Totalitäre Demokratie des Zufalls

Wer regiert, wird per Los entschieden 

Sie werden erkennen, dass es eine Utopie ist, die Gleichheit der Lebensbedingungen anzustreben,
dass die Gleichheit nur besteht in der Freiheit der Persönlichkeit, und dass
diese Freiheit gerade die Ungleichheit der Individuen in der Gemeinschaft voraussetzt.


«Auf zwei Planeten»/Kurd Laßwitz

Aperitivo

Man kann über den idealen Staat nachsinnen in der sterilen Abgeschiedenheit einer philosophischen Pornokabine, wo man mit einem Taschentuch in der einen und Habermas in der anderen Hand sich an erhabenen rationalistischen Gedanken befriedigt. Oder man geht hinaus und sucht sich ein Date mit der Wirklichkeit, die mehr mit Freud gemein hat als mit Kant. Am Menschen vorbeizudenken, ist die Ursünde der Abgeho­benheit. Zu unterschätzen, dass ein idealer Staat ein erotisches Angebot zur Identifikation mit ihm voraussetzt, endet in der naiven akademischen Masturbation. Der Mensch ist zutiefst libidinös, und kein Gedanke der Welt wird ihn davon abbringen, dass individuelle Leidenschaften schöner sind als allgemeine Theoreme.

Dies ist das Problem, welches unsere von oligarchischen Corporationen beherrschten Post-Demokratien spaltet: dort die Progressiven, die meist ökonomisch argumentieren, und da die Konservativen mit ihrem Fetisch für die Kultur. Können die Progressiven eine Identität, eine Einheit stiften, die das unvermeintliche «Wir» und «die Anderen» angstfrei handhabt? Wie geht der Staat um mit dem Spagat zwischen Vielfalt und sozialem Kitt? Wie verwandelt man die «take back control»-Hysterie in einen neuen Gesellschaftsvertrag ohne Faschismus und die Theologie der Reinheit? Wie gehen wir damit um, dass Freiheit den Menschen im Zeitalter der Hyperfreiheit oft weniger als Chance und mehr als bedrohliches Schicksal erscheint? Wie nehmen wir den Menschen ernst als ein sowohl erotisches wie auch denkendes Wesen, dem schon die griechi­sche Antike das Unterworfensein unter den Zufall als größte Herausforderung stellte? Welche Konsequenz ziehen wir daraus, dass Zufall die Grundlage jeder individuellen wie auch gemeinschaftlichen Erotik ist? Gibt es eine Möglichkeit, dem Zufall auf andere Weise auszubüchsen als durch religiöse, rassische und leitkulturelle Versicherungen?

Der ideale Staat erscheint fast als Crossover zwischen Genres wie Fantasy und Science-Fiction, zwischen Pratchett und Tolkien, den mystischen, grüngoldenen Räumen der Elbenwälder und den unendlichen Weiten, die die Menschheit massentouristisch durchreist. Eins ist sicher: Er muss das Paradox bewältigen, Progressives mit Identität zu verbinden. So er sich nur als Verwaltungsmatrix begreift, wird er ein hilfloses Monster ohne Unterleib bleiben, in welchem die Geschlechtskrankheiten der postmodernen Zersplitterung fröhliche Urstände feiern. Eine kollektive Identität arbeitet nicht gegen, sondern mit der menschlichen Natur, gerade in der Phase der Atomisierung entfremdeter moderner Individuen.

Let’s have dinner!


Umarmt den Zufall! Der ideale Staat ist natürlich eine Demokratie, man möchte sagen: eine totalitäre Demokratie. In Deutschland haben wir das makellose Beispiel eines extrem robusten Systems, welches sich um ein christdemokratisches Zentrum baut wie eine Stadt um die mittelalterliche Burg, ein System, das immer mit einem progressivistischen Partner koa­liert, der einerseits sanfte Veränderungen in die Gesellschaft einführen will, zugleich aber den Herrschaftsanspruch der Burg nicht in Frage stellt. Schleift die Burg und verjagt diese sanften Veränderer! Das Parlament in Deutschland schirmt Deutschland parteiübergreifend gegen alle Konflikte ab!

Demokratien respektieren nun am ehesten die Entscheidungsfähigkeit des Einzelnen, und die parlamentarischen Verfahren sind der direkten Demokratie überlegen, denn Volksabstimmungen haben keine Geduld. Nur im Parlament überleben die vielen Meinungen im Kompromiss. Die Häfte des Parlaments soll von Parteipolitikern bestellt werden, die andere aber durch zufällig per Los bestimmte Abgeordnete. Wie im Schöffen-System kann jeder Bürger zum Dienst an der Gemeinschaft gerufen werden. Der durch Proporz und Karriere bestimmte Berufspolitiker soll ja gerade integral das System schützen, verstärkt aber nur das Gefühl der Ohnmacht. Anstelle dessen ist der Schöffen-Parlamentarier unbe­rechenbar. Zugleich weiß jeder um die Chance, in einer Wahl plötzlich die Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Dem aristotelischen Gedanken, dass persönliches Glück an die Gemeinschaft gekoppelt ist, ist zuzustimmen, in pervertierter Form ist es ja auch genau das, was die reaktionären «Wir oder die»-Bewegungen stimuliert, die das Andere nur als Feind denken können.

Dass Zufallspolitiker weniger Fachkompetenz hätten, ist Unsinn, denn Berufspolitiker sind nur Experten für Politik, nicht für Sachfragen. Fragwürdige Gesinnungen können nicht als Gegenargument verwendet werden, denn der Vorwurf der fragwürdigen Gesinnung ist selbst ideologisch. Außerdem dient der Zufalls-Politiker ja gerade der Impfung gegen jene Viren, die im toten Rattenkörper der gefühlten Ohnmacht gedeihen. Der Einzelne muss wach sein, allzeit bereit, sich zu engagieren. Libidinös gesprochen wird er zudem die großzügige Diätenregelung als erotische Kompensation für ein neues Leben im Dienst des idealen Staates empfinden. Auch müssen die Parteien ihre Profile schärfen, sie müssen hinaus aus der Komfortzone der programmatischen Swingerparties: nur alle vier Jahre Leute überzeugen zu müssen. Vielmehr begegnen sie im Alltag keinen Wählern, sondern Kollegen, die sie überzeugen müssen, als wären diese Wähler.

Und so wird das Parlament wieder zu einem Modell der emotionalen Verbundenheit mit dem Staat, einer gefühlsmäßigen Identifikation, welche die Progressiven bisher mit dem Begriff der «Nation» völlig der Reaktion überlassen haben. Es gibt einen progressiven Patriotismus, der, wenn er den Zufall umarmt und zum Prinzip erhebt, sich erhebt über das schlicht-stabile Freund-Feind-Schema der weißen, heterosexuellen, männlichen, christlichen Aufklärungsgewinner. Das Bedürfnis nach Sicherheit, das jeder verspürt, die Sehnsucht nach Gemeinschaft (die Grundlage der Vernunft ist) kann in zwei Rahmen dargestellt werden: der selbstgerechte strenge Vater oder die Fürsorglichen. Progressive stärken Solidarität. Großzügkeit ist eine Quelle des Stolzes wie eine Nation. Der Zufall ist fürsorglich, denn er kümmert sich um uns alle.

Keine Privilegien, keine Religionen


Dass dieses System das strafrechtliche Verbot jedes Lobbyismus’ und jeder Günstlingswirtschaft bedingt, ist selbstverständlich. Denn die Erotik hat auch ihre dunkle Seite, die sich im Lobbyismus austobt. Dieser ist aber in einer Gedankenwelt des Zufalls pervers. Man sieht, dass der Zufall und die Fähigkeit, mit ihm umzugehen, genau jene Mythen stiften wird, die – wie der Rütlischwur, die Unabhängigkeitskriege oder Ghandi – den narrativen Boden bereiten, der die progressiven Patrioten einer tota­litären Demokratie emotional zusammenschweißt.

Dass dieses System offensiv jede Form von Zufallsleugnung angeht, ist auch notwendig. Die größte Beleidigung für die totalitäre Demokratie des Zufalls und ihren progressiven Patriotismus sind zweifellos die organisierten Religionen. Den traurigen Umstand, dass auf unbeantwortete Fragen auch nach 5000 Jahren keine Antwort gefunden werden konnte, versuchen sie durch standardisierte Formeln auszuhebeln. Sie müssen von jedweder finanziellen Beziehung zum Staat abgeschnitten werden, und jedwedes Privileg im Alltag, und seien es die Weihnachtstage, ist abzuschaffen. Es kann keine Tendenzbetriebe mehr geben, in denen über Arbeitsplätze weltanschaulich gerichtet werden: Grundrechte sind wichtiger als Firmenrechte. Die totalitäre Demokratie des Zufalls ist laizistisch bis zu den Toren egal welcher Heiligen Stadt.

Dass dieses System den Journalismus zum außerparlamentarischen Parlamentarismus erheben muss, ist ebenfalls naheliegend: Es gibt kein anderes Rezept gegen die großen Nöte und Grausamkeiten in der Welt als die Bildung. Der Humanismus kennt keine andere Antwort, kein ökonomisches oder philosophisches Konzept, das widerspruchsfreier wäre. Grausamkeit zu mindern und Bildung zu fördern, ist der einzige konsensfähige Punkt aller Weltanschauuungen, aller Wirtschaftstheorien, aller Kulturprojekte. Der Journalist soll zum Kritiker und Kommentator der totalitären Demokratie und des Zufalls werden, mit einer Besoldung, die sich wie die der Parlamentarier an der Richterbesoldung orientiert: Denn sie bereiten die Bürger tagtäglich auf den Fall vor, dass sie ins Hohe Haus gerufen werden.

There is such thing as society

Die einzigen denkbaren Feiertage sind jene, an denen in großen satirischen Versammlungen die Giftmischer der Menschheit beschimpft werden. Dass sie zufällig ausgewählt werden und jährlich wechseln, versteht sich von selbst. Der Zufall wird erstaunlicherweise zum Mittel der Gemein­schaftlichkeit in einer Zeit des extremen neoliberalen Individualismus, der alle menschlichen Gefühle verbannt hat. Homophobe, Rassisten, Frauen- und Männerfeinde, Antisemiten, sie werden in wunderbaren Volksfesten verhöhnt. An diesen Tagen ist jede Sexualität zwischen symmetrischen und frei entscheidenen Partnern zudem absolut und überall erlaubt, jede Form von Ordnungswidrigkeit ist wie in einer Art libidinöser «Purge» aufgehoben.

Und wer denkt bitte an die Kinder?

Die Kinderrechtekonvention ist Verfassungsbestandteil. In der totalitären Demokratie des Zufalls haben Eltern kein Recht, Kindern die freie Entfaltung mit Hinweis auf moralische Argumente zu verbieten. Die Wahrheit ist immer, dass Eltern ihre Selbstbeschränkung auf Kinder übertragen. Die Wahrheit von knapp einer Million sexueller Missbrauchsfälle allein in Deutschland in heterosexuellen Familien ist ein Argument dafür, Kinder viel früher in die politische Arbeit einzuführen, sie aus der Abhängig­keit von Eltern zu befreien. Es ist in der totalitären Demokratie der Zukunft absurd, politische Kompetenz an das Alter zu knüpfen. In dem Moment, da ein Mensch über die Pubertät erotisches Verlangen spürt, ist er politisch kompetent. Warum auch nicht? Die Rechts- und Straf- und Politikfähigkeit ist nicht Zufall, sondern Willkür. Man verbietet sexuell Interessierten die Erotik, man verbietet denkenden Wesen die Politik. Jeder Mensch soll das Recht haben, seine Reife überprüfen zu lassen, analog zu lächerlichen Erfindungen wie dem Einbürgerungstest, sich von den Fesseln antiquierter paternalistischer Gewalt zu befreien, und ab diesem Zeitpunkt sowohl vollauf erotisch aktiv sein können als auch eben, und das ist das Zentrale, per Los in das Parlament gewählt zu werden.

Oder dachten Sie, im Parlament der totalitären Demokratie säßen nur Leute wie Sie?!

Dorthin zurückzugehen, wo man begonnen hat,
ist nicht das Gleiche, wie nie zu gehen.

«Ein Hut voller Sterne»/Terry Pratchett

Der Regisseur Ersan Mondtag ist Kostümbildner des Jahres für die hautengen Ge­mälde­anzüge der vier Protagonisten von Olga Bachs «Die Vernichtung» am Konzerttheater Bern.

 


Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Der ideale Staat, Seite 14
von Ersan Mondtag