Nina Raine; Foto: Jack Ladenburg

Messer im Fleisch

Nina Raine: «Konsens»

Ich hatte mich den ganzen Abend einem Stapel von damals noch unübersetzten britischen Stücken gewidmet und mich im Zuge dessen schon durch zwei oder drei nicht wirklich gute, aber auch nicht wirklich schlechte Werke durchgekämpft. Kurz nach Mitternacht beschloss ich das letzte Stück, «Konsens» von Nina Raine, trotz der fortgeschrittenen Stunde noch in Angriff zu nehmen, in der Erwartung, dass ich es nach den ersten 20 Seiten als nicht wirklich gut, aber auch nicht wirklich schlecht würde einordnen können, wie die anderen auch.

Meine Kollegin, die die Stücke beim Verlag angefordert hatte, hatte «Konsens» mit der Notiz «3 Paare, die sich über Sex und Beziehung unterhalten – klingt nach englischem Screwball mit guten Dialogen» versehen.

Das Deckblatt und das Figurenverzeichnis waren verlorengegangen, und so stieg ich direkt ein. In einer leeren Wohnung erscheint der Geist einer Frau, sie sieht sich kurz um, dann löst sie sich auf. Und plötzlich sind wir mitten in einer House­warming-Party, zwei der drei Paare sind auf der Szene, die Stimmung ist gelöst und freundschaftlich. Kitty und Edward haben ein neugeborenes Kind, das sie behutsam herumreichen. Irgendwann fragt Edward seinen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 176
von Frederik Tidén

Weitere Beiträge
Höhen, Tiefen, Zwischentöne

Wenn Sie jemandem die Geschichte Ihres Lebens erzählen wollten, welche Szenen würden Sie auswählen? Und in welcher Reihenfolge würden Sie sie erzählen? Wann gilt ein Leben als gelungen, wann als gescheitert?

Tracy Letts, der US-amerikanische Schauspieler, Regisseur und Dramatiker, hat anlässlich des Todes seiner Mutter einen filigranen Text geschrieben – der...

Lust auf Abgrund

Zwei schwarz angemalte Toilettenpapierrollen und eine Depafit-Leichtstoffplatte: Dies war die Grundidee zum aufwändigsten Bühnenbild, das je am Residenztheater gebaut worden ist. Es besteht aus einem gewaltigen, vier Tonnen schweren Laufband und einem zweiten, etwa 3,5 Tonnen schweren Laufband auf drei Hubpodien, die vier Meter nach unten reichen. Darauf...

Yael Ronen: Ein Land ohne Land für ein Volk ohne Land

Ich kann diesen Satz nicht lesen. Ich kann versuchen, ihn auszusprechen, aber das klingt albern. Ich spreche kein Deutsch, noch nicht. Ich schreibe für eine Sprache, die ich nicht beherrsche oder die ich mich weigere zu beherrschen, kommt drauf an, wen man fragt. Eine Sprache, in die Irina für mich übersetzen muss. Ich vermeide es, in meiner Muttersprache zu...