Mensch und Tier
Und dann sagt doch nach zehn Stunden tatsächlich einer: «Ich könnte jetzt noch endlos hier sitzen ...» Unersättlich oder wahnsinnig, fanatisch oder gelähmt, fasziniert oder geblendet? Auf jeden Fall: Es ist gewöhnungsbedürftig, sich an einem Sonntag mittags ins Theater zu begeben, das man erst gegen Mitternacht wieder verlassen wird. Wir leben nicht mehr im alten Griechenland, wo im Namen Dionysos’ Kunstfeste zur Freude und Läuterung der Zuschauer gleich mehrere Tage dauerten, wo das Publikum mit den Helden und Untergehern eins wurde, mit ihnen litt und siegte, verlor und lernte.
Wo man schaute und ruhte, aß und weiterschaute ...
Wir befinden uns vielmehr in München – und wer uns da für viele Stunden in die Antike mit einem Titel wie «Dionysos Stadt» locken möchte, der muss sich schon mächtig anstrengen, damit wir Sehgewohnheiten ändern, Aufmerksamkeit dosieren, Zeit vergessen. Christopher Rüping vertraut auf Neugierde und Geduld, er rechnet mit unserem Sitzfleisch und unserer Lust, sich auf etwas einzulassen, was so altmodisch wie ergreifend ist: auf das Wort, auf die Sprache, die man hört und die so oft nachklingen wird an diesem langen Tag.
Es wird unaufhörlich gesprochen auf ...
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Das Theater als vergängliche Kunst hat ein besonderes Verhältnis zum Gedächtnis. Theater ist nicht nur die Kunstform der absoluten Gegenwart, der Gleichzeitigkeit von Performanz und Rezeption, es ist auch die Kunstform des Gedächtnisses. Ohne Erinnerung kein theaterkritischer Diskurs, ohne Diskurs keine Kunst. Schon der lockere Plausch nach dem Theaterbesuch («Wie...
Von Sorge zu Sorge spannt sich dieses Faustens Lebensbogen, spannt sich dieser sechsstündige Leipziger Erlebnisabend, der mit «Faust II» anhebt, den «Faust I» durchreist, ein poetologisches Puppenspiel zur Erklärung von Goethes Hauptwerk einschaltet, bald das Publikum entlang von «Faust»-Motiven auf Erkundungstouren durch die Stadt schickt, um gegen Mitternacht auf...
Penelope sitzt in Ithaka und fragt sich, warum ihr Mann nicht nach Hause kommt. Schließlich ist der Krieg schon seit einiger Zeit vorbei. Von den vielen Möglichkeiten, die die Gattin des Odysseus in Gestalt von Karina Plachetka rampennah durchspielt, hält sie die letzte für die wahrscheinlichste: «Er will nicht zurückkommen», spricht sie tapfer ins Parkett...
