Mein politischer Körper

Ich, Adriana Gomes Braga Peretzki, 51 Jahre alt, schwarz, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien. Kostümdesignerin, Ex-Ankleiderin

Theater heute

Die Nachricht, dass ich für «Theater heute» etwas schreiben soll, kommt mir sehr willkommen nach drei Tagen Kostümabgabe-Kampf mit den Italienern, die mich halb verstehen oder so tun, als ob sie mich nicht verstehen würden. Ich habe eine junge Assistentin dabei. Sie möchte Kostümdesign studieren. Ich frage sie, warum? Seit Kurzem habe ich meine übertriebene Sucht nach Alleingang im Griff und versuche, mich mit jüngeren Menschen auseinanderzusetzen. Leider habe ich, was das Künstlerische betrifft, noch nicht die Mitte gefunden.

Es ist ein langer Weg für jemanden wie mich in die Souveränität. 

Ich kämpfe den unsichtbaren Kampf der Minderheiten seit Geburt an mit. Souveränität ist und bleibt ein Wort, das ein unterschwelliges, latentes Privileg erfordert. Dieses Privileg hatte ich nie. Auch an meinem Anfang im Theater nicht. 

Aber trotz allem lerne ich, seitdem ich ab und zu in der Univer -sität unterrichte, meine gut entwickelte Egomanie in Schach zu halten: hören, sprechen, lehren, lernen. 

Wir sind jetzt gerade im Fundus angekommen. Alle Kostüme sind in Plastikfolien eingepackt, sodass wir kaum erkennen können, was da drin ist. Ich raste aus, und der Traum mit der Souveränität hat sich wieder in Luft aufgelöst. Pusteblume. 

Italien ist für mich als Arbeitsplatz unbequem. In einem Land, in dem PoCs nicht richtig integriert sind, ist es unbequem für eine schwarze Person in einer herausgehobenen Position. Leider ist es für jemanden wie mich überall in Europa unbequem. 

Auch wenn ich mich nicht dazu bekennen würde, wäre mein schwarzer Körper hier zum Politikum geworden. Immer. Ich habe einen politischen Körper. 

Trotzdem muss ich versuchen, in Italien zu arbeiten. Womöglich in ganz Europa. Ihnen mein schwarzes Gesicht zeigen und die Begeisterung für meinen Beruf und für das Theater. 

Ich bin wirklich gern Kostümdesignerin, ich bin wirklich gern schwarz, ich bin gern Frau. Die Theaterwelt in Europa ist aber schwierig für Leute wie mich. Sie ist mit eisernen Türen verschlossen, ihre Strukturen sind sehr schwer zu durchdringen. Die Frage nach Diversität müsste die Frage aller sein. Allein kann man nicht in diese Blase eindringen. 

Ich hätte es nie geschafft ohne meine Verbündeten. Sie haben Türen für mich geöffnet. Meine Theaterfamilie (die Castorfs, die Hartmanns), meine künstlerischen Ehen, meine Theaterteams, meine Schauspieler:innen und Werkstätten. 

Mein Professor Dirk von Bodisco wusste das ganz genau, als er mich vor anderen Professoren geschützt hat. Er sagte immer «wir wollen international bleiben» oder «wir wollen Vielfalt». Wenn manche sich über meine schriftlichen Arbeiten beschwerten, war er einfach für mich da. Meistens zu laut und kämpferisch, aber er war für mich da. 

Ein Kollege Kostümdesigner ruft mich an. Er ist aus seiner Produktion rausgeflogen. Ich kann mich sofort in seine Haut versetzen, weil ich selbst vor Kurzem aus einer Produktion rausgeredet worden bin: Machtstrukturen, die über das weiblichen Regieteam herrschten. Diese Theaterstrukturen halten Frauen mit ständigen Machtkämpfen ab. Es ist mühsam. Fragilität beherrscht unser berufliches Dasein! Es heißt, wir müssen immer dreimal besser sein. Mindestens dreimal mehr Gas geben. Dreimal stärker sein. Panzer, Panzer, Panzer … 
Als ich bei der oben genannten Produktion ausgeschieden bin, wurde mir vorgeworfen, ich wäre unfreundlich gewesen, ich hätte mich unmöglich benommen. Ich erzählte meine Version und entschuldigte mich. Im meinem Fall reicht es aber nicht. Weil ich sofort bestraft werden muss, wenn so etwas vorfällt – ohne große Möglichkeiten einer Gegenüberstellung. So wurde ich à la Will Smith ausgeladen, zensiert. Ohne wenn und aber. Es musste mir klar -gemacht werden, dass die schwarze Frau emotionaler als alle anderen Frauen ist und deswegen rechtzeitig bestraft werden muss. Wir sind aggressiv (lache laut). Es gab im Lauf meiner Karriere schon viele andere Cancel-Versuche. Ich kenne es gut. Ich gehe meinen Weg weiter … mit Fleiß und ohne Preis … hahahaha. 

Bin ich neidisch auf meine Kolleg:innen, weil ich hinterfrage, warum Kostümbildner:innen weniger verdienen als Bühnenbildner:innen? Bin ich sexistisch in meinem Kostümbild? Bin ich eine Feministin? Das weiß ich selber nicht … 

Ach ja – ich habe ein Herkunftsland, und ich gebe es auch gern zu. Ich habe Wurzeln, aber ich bin nicht nur das. Wir alle sind nicht nur das, was unsere Herkunft ausmacht. Wir sind Künstler:innen, Sammler:innen unserer Impressionen. Bauchredner:innen un -serer Gefühle. Mixer und Schleudern unserer ganzen eigenartigen Energiequelle. 

Aber es lebe das wilde Klischee: 

– «Sind Sie es wirklich? Ich habe Sie mir irgendwie anders vorgestellt?» 
– «Ich weiß, wer du bist, obwohl du immer eine ‹andere Perücke› auf dem Kopf hast.» 
– «Hattest du schon was mit Frank Castorf?» – «Wo bleiben deine Kinder?» 
– «Du warst nur eine Assistentin, ich habe dich doch hochgebracht.»
– «Ich glaube, du hast das Stück nicht gelesen?» 
– «Dich mit deinem fetten Arsch habe ich auf der Premierenfeier tanzen sehen.»

Ich finde, dass das Theater sich wirklich mit Themen wie Diversität oder Rassismus auseinandersetzt, aber dass die meisten Theatermacher:innen diesen Begriffen nur hinterherhecheln. Öfters bleibt das Wissen und die Auseinandersetzung an der Oberfläche eines guten Gedankens. Manchmal lache ich innerlich über das Verhalten mancher Theaterleute, die sich offen für nicht gesellschaftlich-normative Menschen aussprechen, aber sehr eurozentrisch über die Welt und Politik reflektieren, wie die Talkshows über George Floyd und die Black-Lives-Matter-Bewegung, die fast nur mit weißen Europäern besetzt waren. Aber Deutschland hat schon längst ein anderes Gesicht. Nur das Theater nicht. Noch nicht.

Alle meine Ladies!

Ich bin jetzt auf den Weg nach Mailand. Noch ein Arbeitstag voller Elan und voller Hoffnung. Ich denke, seit ich diesen Artikel schreibe, viel darüber nach. Ich bin voller Hoffnung, wenn auch ich was zu diesen Diskussionen anstoßen könnte in Richtung Türen öffnen und offen lassen. Neues Projekt, neues Glück. 

Ach, ich hätte beinah vergessen, ein «Dankeschön» auszusprechen an alle meine Ladies, die mich zu der «sexistischsten Kostümdesignerin» der Welt gemacht haben. Bravo! Die Jungs liebe ich auch so sehr. Aber dieser Tanz mit den Hexen macht mich stark. Sie stehen hinter meiner Arbeit. Deswegen widme ich meine Arbeit in allem Respekt und in aller Schwesternschaft diesem Hexenkranz. Ich verehre alle Frauen, die vor mir sind und die nach mir kommen. Eine Hand hilft der anderen hoch. 

An Almut Zilcher, Marie Stockinger, Lilith Stangenberg, Anne Müller, Sina Martens, Thelma Buabeng, Melanie Kretschmann, Okka von der Damerau, Bibiana Beglau, Katharina Pichler, Rosalinde Baffoe, Valerie Tscheplanowa, Cordelia Wege, Artemis Chal -kidou, Heike Makatsch, Lina Beckmann, Natali Selig, Katrin Wichmann, Nadja Stübiger, Bärbel Bolle, Jeanne Balibar, Claire Sermonne, Margarita Breitkreiz, Birgit Unterweger, Sophie Rois, Irina Kastrinidis, Clara de Pin, Julia Kreusch, Madita Mannhardt, Abak Safaeirad, Linda Pöppel, Manja Kuhl, Dörte Lyssewski, Andrea Wenzl, Sachiko Hara, Anne Ratte-Polle, Sophia Mercedes, Myriam Schröder, Angela Guerrero, Hannah Hilsdorf, Mirella Hagen, Julia Rutigliano, Franziska Hayner, Fanny Staffa, Patrycia Ziolkowska, Lisa Marie Janke, Nadine Weissmann, Stefanie Reinsperger. 

An die Werkstätten, Assistent:innen, Hospitant:innen. Lasst uns tanzen! Einen schönen Sommer!


Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Transformation, Seite 56
von

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