Mehr Kunst!

Die neue Statistik des Deutschen Bühnenvereins gibt Einblick in aktuelle Herzmuskelschwächen der öffentlichen Theater

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Kein Zweifel, die Zahlen sahen schon einmal besser aus. Die alljährliche Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins ist an sich keine mitreißende Lektüre – über 300 Seiten an Tabellen zu den wichtigsten Wirtschaftsdaten der Theater, Orchester und Festspiele. Aber die Fleißarbeit in Zahlenkolonnen gibt einen umfassenden Einblick ins ökonomische Herz der Bühnenrepublik Deutschland: eine Kardiologie in Euros, Angestellten, Besucherzahlen, Zuwendungen und Einnahmen.

Der aktuell vorgelegte Band zur Abrechnung der Spielzeit 2023/24 ist inzwischen weit genug von den Coronajahren 2020 und 2021 entfernt, um belastbare Vergleiche zur Vorkrisenzeit zu ziehen. Zur Erinnerung: 2018/19 war die letzte Spielzeit der alten Zeitrechnung. Dann kamen von 2020 bis ins Jahr 2022 lange Monate der Schließungen, restriktiven Regularien, schließlich noch häufigen krankheitsbedingten Vorstellungsausfälle. Erst 2022/23 hatte sich der Zustand wieder verlässlich eingepegelt, und die Rekonvaleszenz begann. Wie stabil ist ein Jahr später der Puls?

Erste Diagnose im Vergleich der «öffentlichen Theaterunternehmen»: Der Output 2023/24 ist verglichen mit 2018/19 moderat gesunken. Über alle Sparten hinweg von einst 21.894 Veranstaltungen im Schauspiel auf 19.494, ein Minus von immerhin 11 Prozent. Die Zahl der Neuinszenierungen hat sich dort ebenfalls verringert, von 1390 auf 1247, minus 10 Prozent. Sollte sich die hektische Überproduktion der 2010er Jahre etwas beruhigt haben oder muss man sich anderweitige Sorgen machen? Die Zahlen lassen noch kein Urteil zu. Durchaus bedrohlicher allerdings die Situation der Besucherzahlen, die genauer gesagt Besu -che-Zahlen sind, weil niemand weiß wie viele individuelle Einmal-, Mehrfach oder bühnensüchtige Schwerlast-Besucher hinter den per Kartenausgabe leicht zählbaren Besuchen stecken. Diese Besuche im Bereich Schauspiel sind jedenfalls von 5.080.578 auf 4.491.796 gefallen, ein Minus von signifikanten 11,6 Prozent. Aber auch hier ist das Schauspiel kein Einzelfall. Über alle Sparten der öffentlichen Bühnen hinweg (ohne Orchester und Privattheater) sind die Besuche-Zahlen am jeweiligen Standort von 18.590.478 auf 16.206.755 sogar noch etwas deutlicher gefallen, minus 12,8 Prozent. Man kann nur hoffen, dass sich hier die Erholungsprozesse noch fortsetzen.

Beschäftigungsverhältnisse
Aufwärts ging es dagegen beim Personal. Die Zahl der Mitarbeiter:innen an öffentlichen deutschen Bühnen ist – nehmt alle nur in allem, also künstlerische und nichtkünstlerische zusammen – von 40.476 auf 42.358 gestiegen, ein Plus von gut 4,6 Prozent! Welcher Arbeitgeber kann das sonst von sich behaupten? Dabei hat allerdings das nichtkünstlerische Personal – also Technik, Gewerke, Verwaltung – deutlich stärker zugelegt als das künstlerische, das sich nur von von 18.104 auf 18.562 steigern konnte. Da macht das Plus lediglich 2,5 Prozent aus. Im absoluten Kernbereich, den Ensemble-Schauspieler:innen, sieht es sogar noch trüber aus. Deren Zahl ist von 1857 auf 1852 sogar minimal gesunken – gegen den Trend (zum weiteren Vergleich: in der Spielzeit 1998/99 waren es noch 2578 festangestell -te Schauspieler:innen). Hier setzt sich fort, was alle wissen und niemand ändert: Wenn gespart werden muss, dann trifft es zuerst die Künstler:innen. Sprich: Die Institution wächst zwar, aber die Kunst stagniert. Zumindest zahlenmäßig.

Der Personalzuwachs – meist nichtkünstlerisch – macht sich auch in der Bilanz bemerkbar: Der ganze Theaterbetrieb wird deutlich teurer. Die Einnahmen insgesamt sind entsprechend zwischen 2018/19 und 2023/24 von 3,413 Milliarden Euro auf 3,998 Milliarden gestiegen, stolze 17,1 Prozent in nur fünf Jahren! Dabei spielen auch die inflationsbedingten Postcorona-Tarifsteigerungen eine erhebliche Rolle. Ein Großteil dieser Einnahmesteigerungen kam jedoch nicht an der Kasse herein, sondern durch höhere öffentliche Zuwendungen: von 2,721 Milliarden auf 3,223 Milliarden, ein Plus von 18,4 Prozent!

Das bedeutet allerdings auch, dass bei gesunkenen Zuschauerzahlen die Eintrittspreise deutlich angehoben worden sein müsen, da die Eigeneinnahmen fast stabil blieben. Teurere Karten bremsen natürlich dann wieder die Theaterbesuchslust – ein Teufelskreis.

Aber jetzt zu der Zahl, auf die die Kämmerer der Kommunen und die Finanzminister der Länder ganz besonders interessiert blicken. Das Einspielergebnis der Bühnen, also der Anteil der Eigeneinnahmen am Budget, betrug 2018/19 noch 17,7 Prozent, 2023/24 aber nur noch 15,9 Prozent. Entsprechend ist der öffentliche Betriebszuschuss zu einer Theaterkarte über alle Sparten von 141,15 Euro auf 191,27 Euro gestiegen. Ein Anstieg von beunruhigenden 35,5 Prozent. Die Schnelldiagnose zeigt: Der Patient lebt, die Gesundheitskosten steigen jedoch deutlich, aber der Puls geht immer noch einigermaßen stabil. Der Blutdruck ist allerdings messbar gesunken. Wer will, dass er wieder steigt, sollte aus dem jährlichen Bühnenvereins-EKG die richtigen Schlüsse ziehen, wohin die Subventionen fließen sollen: Mehr in die Kunst, weniger in den Betrieb. 


Theater heute Mai 2026
Rubrik: Foyer, Seite 3
von Franz Wille

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