Diskursgemüse zum Schnitzel

Der Kulturjournalist Matthias Dell verantwortet beim Theatertreffen das Diskursprogramm zur Zehner Auswahl – ein Gespräch

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Theater heute Matthias Dell, wir kennen und schätzen Sie als Kollegen und Kulturjournalisten. Jetzt kuratieren Sie für das Berliner Theatertreffen das Begleitprogramm – wozu genau sind Sie da gebeten?
Matthias Dell Die Anfrage hat mich sehr gefreut, weil noch kaum jemand in meinem beruflichen Leben so schön über meine verstreute Arbeit als freier Journalist gesprochen hat wie Nora Hertlein-Hull.

Offenbar hat die Leiterin des Theatertreffens darin etwas gesehen, das sie interessiert und das über die Arbeit als Theater- oder Filmkritiker im engeren Sinn hinausgeht. Sie hat sich ein Programm mit fünf, sechs Positionen gewünscht, die sich aus der Zehner-Auswahl ableiten, aber formal ganz frei sein können.

TH Wie verhalten sich diese «Positionen» oder Veranstaltungen zu Zehner-Auswahl?
Dell Wir versuchen, einige dieser Inszenierungen ein Stück weiter zu denken. Zum Beispiel den «Hauptmann von Köpenick» in der Regie von Sebastian Hartmann aus Cottbus, ein Stück, das zumeist mit Untertanengeist und Militarisierung verbunden wird. Da fragen wir unter der Überschrift «Warum ist der Arbeiter nur auf der Bühne Klasse?» nach dem prekären Status des Hauptmanns: Warum Klassismus erzählen oder prekäres Leben medial highlighten, während es in der politischen Realität keine so große Rolle spielt? Warum funktioniert das vor allem über Ich-Erzählungen, als müsse man beglaubigen, dass es so etwas wirklich gibt? Und wie lassen sich diese Erfahrung monetarisieren, was übrigens auch der reale «Hauptmann»-Darsteller getan hat? Darüber sprechen wir zum Beispiel mit der Rapperin Ebow («Nicht alle Männer»), die diese Erfahrung kennt und im Rap, wo es ja viel um Reichtums-Prätention geht, sehr klug und geschickt verarbeitet. Dazu kommt Francis Seeck. Seeck schreibt und forscht an einem Lehrstuhl zu Klassismus. Also ein breites Spektrum von Popkultur bis Akademia.

TH Sie selbst reden auch mit?
Dell Genau, ich stelle die Verbindung zur Zehner-Auswahl her und moderiere jeweils das Gespräch. Mir ist wichtig, keine klassischen Fünfer-Panels zu haben, auf denen jeder alle zehn Minuten etwas sagen muss, sondern wirklich ein Thema zu vertiefen. Was am besten mit kleiner Besetzung klappen kann.

TH Aber der Bezug ist ganz klar die Jury-Auswahl, nicht das Theaterjahr oder gegenwärtige Diskursströmungen in der Szene?
Dell Ja, nehmen wir ein anderes Beispiel, das sich sogar aus zwei Arbeiten gespeist hat: «Mephisto» von Jette Steckel und «Three times left is right» von Julian Hetzel. Da wird’s mit dem Poptheo -retiker Diedrich Diederichsen und dem CDU-Politiker Ruprecht Polenz darum gehen, warum die Linken auch noch an den Rechten schuld sind. Hetzels Inszenierung basiert auf der Beziehung des linken Germanisten Helmut Lethen und seiner neurechten Frau, Caro -line Sommerfeld. Medial war diese Ehe ungeheuer faszinierend und hat es sogar bis in die «New York Times» geschafft – vielleicht in der Erwartung, dass es ganz toll ist, wenn Ideologien am Küchentisch aufeinanderprallen. Mit den Erzählungen gerade der neuen Rechten, die ja oft Opfererzählungen sind, wurde die politische Linke da auch noch als Täter etabliert, der an der Rechtsdrift schuld ist.

TH Sie beziehen sich auf die Anti-Wokeness-Kampagnen der letzten Jahre?
Dell Die Linke hat es demnach so übertrieben, dass die Rechte gar keine andere Chance hatte, als die zu werden, die sie jetzt ist. Solche Argumentationslinien gehen in der öffentlichen Debatte ja relativ unhinterfragt durch. Meiner Meinung nach steckt da aber auch eine falsche Rationalisierung des Rechtsextremen drin, die Angst vor Gewalt, Ausschluss und totalitären Regimen. Jemand wie Diederichsen hat sich als einer der Ersten schon in den 1990er Jahren in Deutschland mit «Politischer Korrektheit» beschäftigt; damals der diskursive Transmissionsriemen, um genau diese Opfererzählungen zu etablieren. Aus dieser Zeit kennen wir auch Diagonalkarrieren von alten Linken, die leider rechts werden mussten, weil die anderen Linken so doof waren. Oder «ideologisch», wie das Zauberwort heute heißt.

TH Ruprecht Polenz wiederum vertritt in der CDU vergleichsweise linke Positionen … 
Dell … beziehungsweise solche, die die CDU nur noch in Sonntagsreden vor sich herträgt, ein Wert wie Anstand zum Beispiel. Beide sind ja schon etwas älter und haben die Entwicklung der letzten Jahrzehnte verfolgt und begleitet.

TH Bernd Stegemann wollten Sie nicht einladen?
Dell (lacht) Nein. Der steht doch eher fürs Symptom, und das fand ich nicht so horizonterweiternd für ein interessantes Gespräch, weil es mir, wenn man so will, um die Anamnese geht. Aber es gab durchaus die Überlegung, die Gesprächsteilnehmer konfrontativer auszuwählen – allerdings geht’s dann schon los, wen könnte man da hinsetzen? Wolfram Weimer hat sich z.B. im Gespräch mit Jan Böhmermann letztes Jahr im Haus der Kulturen der Welt raus -gewunden an den Punkten, an denen es eigentlich darum ging, Verantwortung für eigene Aussagen zu übernehmen. – Aber, der Vollständigkeit halber: Das dritte Gespräch steuert, ausgehend von Tennessee Williams «Glasmenagerie» aus Basel, in Richtung Care-Debatte. Hier reden die feministische Publizistin Teresa Bücker, die ein Buch über die ungerechte Verteilung von Care-Arbeit geschrieben hat («Alle Zeit»), und Vera Schneevoigt miteinander, eine ehemalige Top-Managerin bei Bosch Technologies, die aus dem Betrieb ausgestiegen ist, um ihre Eltern zu pflegen.

TH Auch da dürfte viel Einigkeit herrschen.
Dell Wie gesagt, von Konfrontation erwarte ich mir in diesem Fall nicht so viel. Es geht eher darum, dem Publikum etwas zu eröffnen, Verbindungen herzustellen, die vorher nicht sichtbar waren.

TH Für alle zehn Inszenierungen hat diese Art der Vertiefung nicht gereicht?
Dell Nein, da konnte ich eine subjektive Auswahl treffen. Es ist auch klar, dass die zehn Inszenierungen das Schnitzel sind und die sechs Positionen das Diskursgemüse. Aber es geht eben nicht nur um die klassischen Talk-Formate, sondern auch – und deswegen hat Nora Hertlein-Hull auch an mich gedacht – um Filme, genauer: Dokumentarfilme. Von der spektakulösen Münchner «Wallenstein»-Aufführung ausgehend, wo am Ende ein Text von Swetlana Alexijewitsch zitiert wird, aus ihrer oral history von Sowjetrussinnen im Zweiten Weltkrieg («Der Krieg hat kein weibliches Gesicht»), bin ich auf einen sehr tollen Film der leider schon verstorbenen Ostberliner Filmemacherin und Dramaturgin Tamara Trampe gekommen, «Meine Mutter, ein Krieg und ich». Trampe wurde im Krieg an der Grenze von Russland und Ukraine geboren, von ihrer Mutter, einer Frontkämpferin, «aufs Feld geschissen». Der Film ist eine Reise zurück zu lauter alten Menschen, die zwar zu Feiertagen mitsamt ihren Orden vorgezeigt, sonst aber total vernachlässigt werden – und der warmherzige Versuch, das Verhältnis zur Mutter zu befrieden und eine Antwort auf die Frage zu finden: Warum war dir der Krieg wichtiger als ich? Der andere Film leitet sich ab von Schnitzlers «Fräulein Else», eine MeToo-Geschichte, bevor es MeToo gab. Wie kann man über Sexismus und sexualisierte Gewalt reden, wenn man keinen Begriff dafür hat? Da ist mir ein Film von Helke Sander in den Sinn gekommen, «Die Deutschen und ihre Männer – ein Bericht aus Bonn», der als Mockumentary obendrein sehr lustig ist. Sie schickt da eine blonde, normschöne Frau, gespielt von der österreichischen Schauspielerin Renée Felden, auf die Suche nach der Lösung fürs Gleichstellungsproblem, und zwar in Bonn. Dort entfaltet sich Ende der 1980er Jahre ein grandioses Panoptikum der damaligen Zeit, es treten Politiker auf von Gerhart Baum bis Helmut Kohl, der dann leider zu schnell weg muss. Das ist eine sehr originelle Form, mit Zurücksetzung produktiv umzugehen, weil der Film die Leute konfrontiert, die für das Problem verantwortlich sind, das die Regisseurin als Frau hat.

TH Das heißt aber auch, dass Sie in Ihrem Programm gesellschaftliche Krisen von Krieg bis Sexismus durcharbeiten – weil das auch das Theater macht oder weil es in der Auswahl fehlt?
Dell Es ist alles da! Das ist ja das Tolle an Theater, dass es so viel anbietet. Wie viele Künste ist es ein Medium zur Verständigung, d.h. man teilt eine gemeinsame Erfahrung und kann danach dar -über reden. Das Diskursprogramm versucht aus den Inszenierungen möglichst spezifische und aktuelle, wenn auch vielleicht nicht allzu offensichtliche Fragen abzuleiten und zu bearbeiten. Die Zehner-Auswahl so zu lesen, hat mir großen Spaß gemacht.

TH Als erweiterte Dramaturgie?
Dell Eher der Versuch eines originellen Gesprächsanschlusses, der eben nicht in die journalistische Falle geht, alles auf allgemeine Themen runterzubrechen.

TH Über die Kunst selbst und ihre Form machen Sie sich keine tieferen Gedanken?
Dell Tatsächlich ist Punkt 6 des Programms stark von Medium und Form geprägt, nämlich die Ausstellung «It is Reel – Theatertreffen meets TikTok». Das Theatertreffen ist die größte Bühne für analoges Bühnenarbeiten in Deutschland, es produziert viel Inhalt, der dann verbreitet wird, und im Prinzip tut das auch TikTok im Digitalen, bloß milliardenfach größer. Und natürlich ist auch auf TikTok jede Menge Theatralität und Performance im Spiel. Sehr zugespitzt war deshalb die Arbeitsfrage: Wie sähe das Theatertreffen auf Tik-Tok aus? Das sollen zehn Leute, die Expertise versprechen, in eben einem solchen Reel für je eine der 10 Inszenierungen beantworten. Mit einer Assoziation, einem Fund, einer Recherche, die die zehn Bühnenarbeiten mit diesen riesigen Aufmerksamkeitsmaschinen TikTok oder Instagram in Zusammenhang bringt.

TH Also endlich Theaterkritiken im TikTok-Format?
Dell Eher mit Mini-Essays über das, was an der Inszenierung interessant gefunden und dann in den digitalen Raum verfolgt wird. Das kann sich an einer ästhetischen Kleinigkeit entzünden oder am Stil der Kostüme – die Hoffnung ist, dass dabei zehn ganz unterschiedliche Reels entstehen. Wir werden sie im Loop auf Bildschirmen in den Foyers zeigen in der Hoffnung, dass ein vielleicht nicht so TikTok-affines Theatertreffenpublikum in diesen Beiträgen Interessantes und Schönes entdeckt.

TH Und wer sind diese Expert:innen?
Dell Zum Beispiel Casper Weimann, der an der ADK Baden-Württemberg Schauspiel unterrichtet und der Manosphere auf Social Media etwas ganz praktisch entgegenzusetzen versucht durch andere Männlichkeitsentwürfe. Oder Freya Herrmann und Vera Klocke, die zusammen den Podcast «Fashion the Gaze» machen und darin TikTok inszenierungskritisch analysieren. Und viele andere, die große Lust darauf haben.

Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille


Theater heute Mai 2026
Rubrik: Best of, Seite 40
von Eva Behrendt und Franz Wille

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