Das Private und das Politische
Nostalgie hat Konjunktur, gerade in rechten Kreisen. Die Sehnsucht nach der vermeintlich guten alten Zeit, als die Verhältnisse noch übersichtlicher, die Familien intakt, die Ordnung stabil, die Identitätspolitik noch unbekannt, Gendern kein Thema und die Kommata noch da gesetzt wurden, wo sie vor 100 Jahren gesetzt wurden, zieht sich durch alle Schichten und Milieus.
Die komplexen gesellschaftspolitischen und sozialen Entwicklungen spätestens seit Wiedervereinigung, Globalisierung, Finanzkrise, sogenannter Flüchtlingskrise überfordern viele in ihren Werten und Identitäten – ob materiell, sozial oder intellektuell.
Vor diesem Zeithintergrund hat Christian Kracht seinen neuesten Roman geschrieben, der Abwertung schon im Titel trägt – «Eurotrash». Der Müll des Kontinents konzentriert sich in diesem Fall aber doch stark auf die Schweiz, auch wenn dabei viel braune Soße aus Deutschland hinübergekippt ist. Sein Ich-Erzähler Christian hat einiges an Nachkriegs-Zivilisationsschutt abbekommen. Luxuriös aufgewachsen im mondänen Karriereaufwind der Eltern, die ihre Nazi-Familiengeschichte bruchlos und hocherfolgreich in der alten Bundesrepublik fortsetzen konnten und dafür den Preis ...
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Theater heute Januar 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille
Der Weg von den Schließfächern am Tor bis zu dem Trakt, in dem die Gefangenen «Ödipus» spielen, führt in eine parallele Welt. Nach Ausweis- und Impfpasskontrolle sowie einer überaus gründlichen Leibesvisitation trottet das Publikum übers Gelände der JVA Tegel, vorbei am winterlich tristen Garten mit Teich und Beton-Sitzgruppen, an zwei Sportplätzen, Schildern, die...
«Mehr Fortschritt wagen» steht als Überschrift über dem Koalitionsvertrag. Was für eine Ansage! Auch nach den recht vollmundigen Maßstäben politischen Marketings ist der Bezug auf Willy Brandt («Mehr Demokratie wagen») und das Versprechen einer besseren Zukunft ein mutiger Aufschlag. Vorbei mit den Merkelschen Ausweglosigkeiten aus vermeintlicher...
Wie wird man wohl erinnert werden, wenn man nichts wirklich gerissen hat? «Aus uns ist eben nüscht geworden. Aber auch keen Nazi, immerhin», sagt Ralle. «War knapp, aber das ist doch wat.» Und wahrlich, das ist was. Schließlich befindet sich Ralle hier in Brandenburg, wo wie jeder seit Rainald Grebe weiß: Es steh’n drei Nazis aufm Hügel und finden keinen zum...
