Das Private und das Politische
Nostalgie hat Konjunktur, gerade in rechten Kreisen. Die Sehnsucht nach der vermeintlich guten alten Zeit, als die Verhältnisse noch übersichtlicher, die Familien intakt, die Ordnung stabil, die Identitätspolitik noch unbekannt, Gendern kein Thema und die Kommata noch da gesetzt wurden, wo sie vor 100 Jahren gesetzt wurden, zieht sich durch alle Schichten und Milieus.
Die komplexen gesellschaftspolitischen und sozialen Entwicklungen spätestens seit Wiedervereinigung, Globalisierung, Finanzkrise, sogenannter Flüchtlingskrise überfordern viele in ihren Werten und Identitäten – ob materiell, sozial oder intellektuell.
Vor diesem Zeithintergrund hat Christian Kracht seinen neuesten Roman geschrieben, der Abwertung schon im Titel trägt – «Eurotrash». Der Müll des Kontinents konzentriert sich in diesem Fall aber doch stark auf die Schweiz, auch wenn dabei viel braune Soße aus Deutschland hinübergekippt ist. Sein Ich-Erzähler Christian hat einiges an Nachkriegs-Zivilisationsschutt abbekommen. Luxuriös aufgewachsen im mondänen Karriereaufwind der Eltern, die ihre Nazi-Familiengeschichte bruchlos und hocherfolgreich in der alten Bundesrepublik fortsetzen konnten und dafür den Preis ...
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Theater heute Januar 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille
Irgendwann landet Marianne, eines der vielen «süßen Wiener Mädels» des abgründigen österreichisch-ungarischen Dramatikers Ödön von Horváth, die keinen Platz im Leben finden, nackt als Tableau vivant in einem Varieté. Meist wird das eindeutig erotisch gedeutet. Johan Simons und sein Ensemble legen diese Szene aus «Geschichten aus dem Wiener Wald» im Burgtheater...
Das Musiktheater bezeichnet als Revue eine stetige Abfolge von Auftritten. Schau, die Sängerin! Schau, der Komödiant! Schau, das Tanzensemble! Aufwendig ausgestattet, von Auftritt zu Auftritt in immer spektakuläreren Kostümen. Felix Rothenhäusler hat am Theater Bremen eine Revue allerdings als Folge von Abgängen inszeniert, und zwar im Sinne endgültiger Abgänge:...
Als der schwedische Ethnopopstar Gustav seiner Muse und Backgroundsängerin Sky nach liebestrunkener Tournee die zweite Sprachnachricht sendet, kündigt er an, seiner Frau Klara die neue Liebe zu beichten. Doch jeder Satz, den Lindy Larsson als Gustav ins Handy spricht, scheint ein neues Fettnäpfchen zu eröffnen: «It will be painful at first, but eventually she will...
