Medea in Kolchis: Eine Rekonstruktion

2. Teil des Medea-Zyklus «Fremde Sonne» Auftragsarbeit für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg © S. Fischer Verlag 2026

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Medea
Iason
Aietes
Absyrtos

Vier Stühle.

Auf vier Stühlen Medea, Iason, Absyrtos und Aietes.
Absyrtos hat zwei Krücken, eine der Krücken liegt auf dem Boden, an der anderen schnitzt er mit einem kleinen Taschenmesser herum.
Niemand sagt etwas. Langes, unangenehmes, auch ratloses Schweigen.
Alkohol und Zigaretten sind hier verboten, aber Aietes hat in einer Plastiktüte, die neben seinem Stuhl steht, eine Flasche Wodka ohne Etikett.
Etwas entfernt lehnen an einer Wand:
ein Gewehr. Ein Beil.


Neben Medeas Stuhl steht eine offene Cola-Dose auf dem Fußboden, die Medea später auch als Aschenbecher benutzen wird.
Ein Rollwagen mit Thermoskannen und Geschirr.
An einer Seite: ein großer, verglaster und vergitterter Schrank mit Medizin. Vielleicht auch eine ganze Wand mit Medizin. Tabletten in Packungen und Röhrchen, Tropfen und Tinkturen in kleinen, braunen Glasflaschen, Spritzen, Salben, Mullbinden, Verbandsscheren, Pflaster, Jod.
In der Tiefe der Dunkelheit hinter den Stühlen ein leuchtendes Schild: NOTAUSGANG. Ein Getränkeautomat.
Die vier suchen nach Worten, nach einer Erklärung dessen, was geschehen ist und was geschieht und was geschehen wird, aber sie finden sie nicht;
es scheint ...

ROLAND SCHIMMELPFENNIG, geboren 1967 in Göttingen, ist einer der meistgespielten und produktivsten Dramatiker deutscher Sprache. Über 40 Theaterstücke, Hörspiele und Opernlibretti seit 1996, zahlreiche Uraufführungen u.a. an den Münchner Kammerspielen, der Berliner Schaubühne, dem Burgtheater Wien, dem Hamburger Deutschen Schauspielhaus, dem Schauspielhaus Bochum, dem Schauspielhaus Zürich, dem Münchner Residenztheater. Mehrfache Einladungen zu den Mülheimer Theatertagen und zum Berliner Theatertreffen, zuletzt 2024 mit «Laios».

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Theater heute November 2026
Rubrik: Das Stück, Seite 100
von Roland Schimmelpfennig

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