Lob der Leerstellen

Über 25 Gründe für oder gegen das Theater, die therapeutische Funktion von Zungenbrechern, die Gefühle einer alten Matratze und die Schwester von William Shakespeare bei den Autor:innentheatertagen 2022 im Deutschen Theater Berlin

Theater heute - Logo

Nein, er fischt keine frischen Fische, der Fischer Fritz. Jedenfalls nicht mehr. Er hatte einen Infarkt. Aber von solchen medizinischen Zwischenfällen lässt sich der gute alte Zungenbrecher natürlich nicht ausbremsen, zumindest nicht in der Gegenwartsdramatik.

Raphaela Bardutzkys Stück «Fischer Fritz», das als erstes von drei druckfrischen, zur Uraufführung ausgewählten Stücken die traditionelle «Lange Nacht» der diesjährigen Autor:innentheatertage am Deutschen Theater Berlin eröffnete, bringt den Tongue-twister mit der F-Alliteration sogar in überdurchschnittlich hoher Frequenz zu Gehör. 

Überhaupt ist gern von linguistischen Spezialitäten die Rede in «Fischer Fritz»; auch Reibe- und Bilabiallaute werden umfänglicher erörtert. Die Sprache soll, mit anderen Worten, selbst zum Thema werden – und, folgt man der Autorin, sogar zur Protagonistin. So jedenfalls kann man das Framing verstehen, das Bardutzky vornimmt, wenn sie ihren Text im Untertitel als «Sprechtheater» labelt und damit vermutlich auf ein ähnliches Phänomen zielt wie das, was der Dramatiker Ferdinand Schmalz in seiner Festival-Eröffnungsrede als «Dichterkammerflimmern» bezeichnet hat. Er nennt selbiges ein großes ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2022
Rubrik: Autor:innentheatertage, Seite 23
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Das Schicksal der Klassiker

Da war wohl noch eine Rechnung offen. Regisseurin Karin Henkel nimmt sich schon zum zweiten Mal Bernhards «Auslöschung» vor, diesmal aber gründlich. Beim ersten Mal, Anfang 2019 im Hamburger Schauspielhaus, war der 600-Seiten-Roman von 1986 noch eingebettet in eine Textcollage mit den Stücken «Vor dem Ruhestand» und «Ritter Dene Voss». Jetzt, nur drei Jahre später...

Zum Boden, zum Himmel, ins Lichte

I

Adelheid Duvanel: Fern von hier

Ich lese gierig, mir tropfen die Seiten ölig aus dem Mund, die Worte, einstmals behutsam gesetzt, fallen durcheinander in den Rachen. 

Da war/ist etwas groß, irrlichternd und doch zielstrebig. Da war/ist etwas wissend, malmend, doch suchend. Da saß ein Tier mit einem starken Kiefer und blickte seinen Lesenden entgegen, ein Tier mit...

Im Gestaltwandel

Das aktuelle Plakatmotiv von Radikal jung, ein Schnappschuss der belgischen Fotografin Frieke Janssens, zeigt eine Turnerin, die sich kopfüber und einhändig auf einem Reck balancierend mit dem Finger der anderen Hand die Brille auf der Nase hält, während sie entschlossen etwas zu fixieren scheint. So ähnlich mögen sich die Macher:innen des Festivals Radikal jung in...