«Die Vernichtung» in Bern. Foto: Birgit Hupfeld

Letzte Ausfahrt: Loopkunst

Die Selbstgewissheit eines westlich-liberalen Demokratiemodells hat im letzten Jahr schwer gelitten. Offene Gesellschaften geraten unter Druck von innen und außen. Längst überwunden geglaubte Ideologeme feiern Wiederauferstehung, Globa­lisierung verlangt nach neuen Perspektiven von Gerechtigkeit und weckt gleichzeitig alte Nationalismen. Bewährte Konflikt­lösungen durch Dialog und Vernunft geraten ins Hintertreffen, scheinbar stabile Sinngebäude ins Wanken. An politischen Krisenszenarien mangelt es derzeit nicht, und sie treiben die Theaterleute um. Spektakuläre Inszenierungen formulieren entschiedene Gegenwarts-Diagnosen und ref­lek­tieren widersprüchliche Verhältnisse. Die beste aller möglichen Welten scheint offen wie schon lange nicht – und die Bühnen reagieren mit vielfältigen und frisch geschärften ästhetischen Instrumenten.

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Man ist ja inzwischen einiges gewöhnt, aber es passiert trotzdem nicht so oft, dass das politische und sozialphilosophische Tafelsilber der Bundesre­publik ganz nebenbei in hohem Bogen vom Tisch fliegt. Und zwar nicht etwa abgeräumt von einem durchgebrannten ethnofaschistischen AfDler oder sonstig rechtsdrehenden Talkshow-Horrorgast, sondern von einem intellektuell hochangesehenen Tischherrn.

Im Februar konstatierte Axel Honneth, Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und damit amtlicher Adorno- und Horkheimer-Enkel, während einer Veranstaltung mit Navid Kermani im Frankfurter Theater sogenannte «bewegungseigene Wissensenklaven im postfaktischen Zeitalter». Sprachlich etwas weniger angestrengt war damit konkret gemeint: Bei wichtigen Themen ist eine gesellschaftsweite Verständigung nicht mehr möglich, weil zu viele Leute ihre netzblasenverstärkten oder sonstigen Hirngespinste mit der Realität verwechseln und darüber auch nicht mehr verhandeln wollen. 

Die niederschmetternde Erkenntnis macht einen dicken roten Strich durch Jürgen Habermas’ Großgebäude einer «Theorie des kommunikativen Handelns». Honneths Frankfurter Vorgänger und letzter lebender Übervater der ...

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Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Inszenierungen des Jahres, Seite 128
von Franz Wille

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