Leipzig: Nation als Zufallsprodukt
Deutschland ist eine unbeschriebene Landkarte, ein weißer Fleck zwischen Nichts und Nichts, ganz nah bei Detmold. Und auf diesem leeren Podest aus hellem Holz, das sich schräg nach hinten verlängert, lässt Dusan David Parizek den deutschen Urmythos Hermannsschlacht in der Kleistschen Version aufspielen. Das Figurentableau schrumpft dabei auf ein Kammerspiel zusammen. Klarheit ist das Gebot der Stunde, um all die beinahe schon trivialen Politiktaktiken des großen Arminius aka Hermann herauszustellen.
Dirk Lange gibt ihm den Anstrich eines ebenso coolen wie cleveren Karrieristen, der bereits während des Sprechens seine Gewinne und Verluste durchrechnet und blitzschnell die Anlagestrategie wechselt, wenn der Markt es verlangt. Kein Trendsetter, aber Trendforscher, der weiß, wo ich bin, ist vorne. Dabei sind diesem Hermann, den Lange demonstrativ unterspannt, aber doch allzeit hellwach auf die Bühne bringt, alle Eitelkeiten jenseits der edlen Fassade fremd. Die eigene Frau wird den Römern ebenso mit einem Grinsen als erotischer Köder zugeführt wie er später ein junges Mädchen als Menschenopfer für den Römerhass gebraucht, um die eigenen Kräfte zu einen: eine starke Szene, wenn Julian ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Torben Ibs
Die heimlichen Helden des Abends sind die Saaldiener und -dienerinnen. Denn egal, was an diesem Abend auf der Bühne passiert, stets sind sie bereit, unerschrocken in den Zuschauerraum zu stürzen und ungehorsame Gäste zu ermahnen. Also die, die trotz ausdrücklichem Fotoverbot ihr Handy zücken. Schweigsam halten die fleißigen Helfer dann Tablets hoch, auf denen ein...
Im Berliner Kulturverlag Kadmos sind zwei Bände höchst aktueller Theatergeschichte erschienen, die von der gesellschaftlich offenen und formal kühnen Theaterarbeit des Autors Sergej Tretjakow, des Regisseurs Wsewolod Meyerhold und des Filmpioniers Sergej Eisenstein handeln, deren Ziel die Aufführung und Verfilmung des Stücks «Ich will ein Kind haben» war. Die...
Wie schnell man einen Ausnahmezustand für die Normalität halten kann, zeigt sich, wenn man das Ungewöhnliche der Ausnahme unter die Nase gerieben bekommt. Zum Beispiel im Genre des zeitgenössischen Zirkus. Dort lassen Artisten auch die absonderlichsten Leistungen meistens ganz leicht aussehen – ob sie sich nun zu Drei-Mann-Türmen übereinander stapeln oder einander...
