Gefangen im System
Am Ursprung von Julius Heinickes Habilitationsschrift «Sorge um das Offene» steht eine Enttäuschung: die Erfahrung, dass die Theater zwar erkennen, wie ihre Konzentration auf ein weißes, bildungsbürgerliches Publikum angesichts einer sich rapide wandelnden Gesellschaft ein Problem darstellt, aus dieser Erkenntnis allerdings keine künstlerisch überzeugenden Schlüsse ziehen.
Heinicke macht das an zwei Beispiel-Inszenierungen fest, die sich mit den Migrationsbewegungen der vergangenen Jahre beschäftigen: Elfriede Jelineks «Die Schutzbefohlenen», inszeniert von Nicolas Stemann 2014 am Hamburger Thalia Theater, und «Die Schutzlosen. Les Zéro-Morts», inszeniert von Bernhard Stengele 2015 am Theater Altenburg-Gera. Der Autor bemängelt jeweils die ungenaue Darstellung von Migration in den beiden Inszenierungen, die Fremdheit an der Hautfarbe festmacht und so rassistische und kolonialistische Narrative weiterschriebe: in «Die Schutzbefohlenen», indem die Migranten mit echten Geflüchteten besetzt würden, in «Die Schutzlosen», indem professionelle Schauspieler aus Burkina Faso auf der Bühne stünden.
Falsch ist diese Beobachtung nicht, auch wenn sie den beiden Theatermachern auf etwas ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Büchermagazin, Seite 46
von Falk Schreiber
«Erz des Friedens», ein Gedicht, das Werner Kunz 1972 anlässlich des 500-jährigen Bergbau-Jubiläums im Erzgebirge veröffentlichte, gehört zu den absurdesten Verklärungen, die das ideologische «Kaderwelsch» (Brecht) der DDR hervorgebracht hat, um den realsozialistischen Alltag unter ihr utopisches Weltbild zu zwingen. Es romantisiert nichts Geringeres als den...
Was bleibt von der flüchtigsten und der lebendigsten aller Kunstformen, dem Tanz, wenn die Bewegungen verschwunden und die Körper, die sie tanzten und formten, längst tot sind? Vereinzelte Dokumente, Briefe und Fotografien, Notizen und Kostümteile, die in Archiven leblos vor sich hin dämmern. Das Verhältnis von Tanz und Archiv beschäftigt nicht nur die...
Der Teufel steckt wie immer im Detail. In einem Großraumbüro, in das kein Tageslicht fällt, türmen sich auf den Schreibtischen dicke Wälzer über Religionsgeschichte und Ordner über einen gewissen Pontius Pilatus, der laut Neuem Testament Jesus zum Tode verurteilt hat. Wo sind wir hier? Das estnische Regie- und Ausstattungsduo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo hat für...
