Leipzig: Herzscheiße
Die Zombifizierung des Menschen im Maschinenzeitalter ist länger schon ein Thema für Claudia Bauer. In Dortmund setzte die Regisseurin Fassbinders «Welt am Draht» um. In Leipzig ließ sie jüngst für Wolfram Hölls «Und dann» Puppenmenschen wie von Radiowellen gesteuert durch ein surreales Erinnerungshaus schlurfen. Unter Pinocchiomasken.
Es ist gefühlt kein weiter Weg von dort bis zu einem der Meilensteine der neueren Mensch-Maschine-Science-Fiction: Fritz Langs Stummfilmepos «Metropolis». Bauer spinnt die expressionistische Bilderwucht der Vorlage weiter.
In einem verwinkelten Kubus lässt sie den Fabrikantensohn Freder Fredersen umherirren, in goldenem Ganzkörperanzug, wie ein Android. In Comicschrift, projiziert auf die Außenwand des Kubus, leiht sie seinem stummen Tun Worte. Kinder mit aufgeblähten Köpfen, Pinocchioaugen und Schweinsbacken à la «Farm der Tiere» nahen. Diesen Schwellkopfproletariern wird sich Freder beigesellen, unten «in der Tiefe», im Energiezentrum der Metropole: bei der «Herz-Maschine».
«Herz-Maschine» klingt nach «Herzscheiße», um den Liedermacher Fanny van Dannen zu zitieren. Und «Herzscheiße» ist natürlich auch drin in Langs Film. «Der Mittler zwischen Kopf ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2016
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Christian Rakow
Wie stellen sich die Theater den Zumutungen der Tagesaktualität? In der Flüchtlingskrise wird die Infrastruktur der Stadttheater an vielen Orten genutzt, um politische Diskussionen zu organisieren. Das Schauspiel Köln wählt einen Mittelweg zwischen Kunst und Politik: Nach dem Debattenfeuilleton kommt das Debattentheater.
Ein Katarakt von rasenden Bildern mit...
Alle paar Jahre unkt es, Londons kommerzieller Theatersektor sei in der Krise. Tatsächlich aber ist dieser merkwürdige Mikrokosmos um Shaftesbury Avenue erstaunlich stabile Einkommensquelle für seine Produzenten und gar nicht so unwichtiger Faktor in der Inselökonomie. In der Masse der West-End-Musicals und Erfolgstransfer-Stücke aus dem subventionierten Sektor...
Europa knirscht in seinen Grundfesten. In Brüssel und an den diversen Binnen- und Außengrenzen wird immer hektischer daran gearbeitet, die inneren Fliehkräfte, die es zu zerreißen drohen, und den Ansturm der Hilfesuchenden von außen noch irgendwie zu harmonisieren. Grund genug, auch in der künstlerischen Praxis nach stabilisierenden Zwischenböden zu fahnden,...
