Zürich: Männer im besten Alter
Drei Männer joggen im Karree. Nach olympischem Übereifer sieht das nicht aus, eher nach dieser Sorte pflichtschuldiger Nachlässigkeit, die zu sehr viel früheren Zeiten dem Kirchgang vorbehalten war. Aber bitte, man joggt.
Man, das ist in diesem Fall Mann, der Scheitel schon schütter, doch die Bauchmuskeln straff, geschuldet hundert Sit-ups täglich. Sagt Mann.
Nachprüfen kann’s keiner, das Trio im Zürcher Schauspielhaus hält sich bedeckt mit Feinstrick, wobei zumindest in einem Fall von Bauchansatz unterm Europe-Fanshirt Zweifel angebracht sind, ob der orthodoxen Fitnesslehre mit der nötigen Ausdauer gehuldigt wird. Aber wir sitzen hier ja in der Schweizer Erstaufführung von Sibylle Bergs frappierend entlarvendem Jedermannstück «Viel gut essen», und darin trügt der Schein nach Kräften. Männer im besten Alter suchen das beste Licht, mit dem sie dann ihre Mitwelt blenden, und erledigen ansonsten im brutalsten Wortsinn alles, was von ihnen verlangt wird.
So ein postemanzipiertes, soziopathisch veranlagtes Mittelschichtsmonster von heute bereitet also in «Viel gut essen» ein Familienmahl in der nicht abbezahlten Designerküche zu, brüllt derweil durchs Fenster das schwule Nachbarpaar ...
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Theater heute April 2016
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Stephan Reuter
Europa knirscht in seinen Grundfesten. In Brüssel und an den diversen Binnen- und Außengrenzen wird immer hektischer daran gearbeitet, die inneren Fliehkräfte, die es zu zerreißen drohen, und den Ansturm der Hilfesuchenden von außen noch irgendwie zu harmonisieren. Grund genug, auch in der künstlerischen Praxis nach stabilisierenden Zwischenböden zu fahnden,...
Garantiert anspielungsfrei, aktualitätsresistent und gegenwartsabstinent ist diese Aufführung. Keine Wirtschaftskrise, kein Dschihad und kein Flüchtling trübt die grundschwarze Bühne. Das Spiel kreist, meist aufgeregt, um sich selbst. Natürlich stellt man sich, als Kritiker zumal, bedenklich die Frage, was das soll.
Der «Revisor» ist eine Entlarvungsgeschichte aus...
Im Grunde erzählt Orhan Pamuks Roman «Schnee» eine ganz konkrete Geschichte: Der Schriftsteller Ka kehrt aus dem Exil in eine türkische Kleinstadt zurück, um über eine Suizidserie unter jungen Muslima zu recherchieren, und gerät dabei zwischen die Fronten von laizistischer Staatsmacht und politischem Islam. Alles wird genau beschrieben: das osttürkische Städtchen...
