Zürich: Männer im besten Alter
Drei Männer joggen im Karree. Nach olympischem Übereifer sieht das nicht aus, eher nach dieser Sorte pflichtschuldiger Nachlässigkeit, die zu sehr viel früheren Zeiten dem Kirchgang vorbehalten war. Aber bitte, man joggt.
Man, das ist in diesem Fall Mann, der Scheitel schon schütter, doch die Bauchmuskeln straff, geschuldet hundert Sit-ups täglich. Sagt Mann.
Nachprüfen kann’s keiner, das Trio im Zürcher Schauspielhaus hält sich bedeckt mit Feinstrick, wobei zumindest in einem Fall von Bauchansatz unterm Europe-Fanshirt Zweifel angebracht sind, ob der orthodoxen Fitnesslehre mit der nötigen Ausdauer gehuldigt wird. Aber wir sitzen hier ja in der Schweizer Erstaufführung von Sibylle Bergs frappierend entlarvendem Jedermannstück «Viel gut essen», und darin trügt der Schein nach Kräften. Männer im besten Alter suchen das beste Licht, mit dem sie dann ihre Mitwelt blenden, und erledigen ansonsten im brutalsten Wortsinn alles, was von ihnen verlangt wird.
So ein postemanzipiertes, soziopathisch veranlagtes Mittelschichtsmonster von heute bereitet also in «Viel gut essen» ein Familienmahl in der nicht abbezahlten Designerküche zu, brüllt derweil durchs Fenster das schwule Nachbarpaar ...
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Theater heute April 2016
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Stephan Reuter
Die Zombifizierung des Menschen im Maschinenzeitalter ist länger schon ein Thema für Claudia Bauer. In Dortmund setzte die Regisseurin Fassbinders «Welt am Draht» um. In Leipzig ließ sie jüngst für Wolfram Hölls «Und dann» Puppenmenschen wie von Radiowellen gesteuert durch ein surreales Erinnerungshaus schlurfen. Unter Pinocchiomasken.
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