Leben bleibt Traum

Zwei Uraufführungen über entgleisenden Alltag: Wolfram Lotz’ «Träume in Europa» in Dresden und Kevin Rittbergers «Wunde Stadt» in Magdeburg

Theater heute - Logo

Schöne Träume, schlimme Träume? Gute Zeiten, schlechte Zeiten? Was kann man aus Europas Träumen herauslesen über unseren gerade ziemlich gebeutelten Kontinent, der sich lange als eine Insel der Seligen sah, wirtschaftlich prosperierend in liberalen, demokratisch selbstorganisierten Gesellschaften, die sich plötzlich mit politischer Instabilität, Kriegen und Abstiegsängsten herumplagen? Obwohl es den meisten Leuten dort, zumindest im globalen Vergleich, noch erstaunlich gut geht.

Schwer zu sagen, wie es uns geht im Licht von Wolfram Lotz’ «Träume in Europa», einem Textsortenexperiment der besonderen Art. Fünf Jahre lang hat sich Lotz in europäischen Internetforen wie «deutung.com» oder «silence.macedoniaforum.net» umgesehen, auf denen die Teilnehmer ihre Träume aufschreiben, diskutieren, interpretieren. 113 kurze Traumtexte hat er daraus destilliert, manche nur 5 Zeilen lang, andere gehen über ein paar Seiten. Dabei ist er wie der Redakteur eines Nachrichtenkanals vorgegangen: auswählen und überarbeiten, bis alles auf einen uniformen Sound getuned ist – eine Folge gut lesbarer, nicht zu komplizierter Indikativsätze. Träume, runtergekocht auf Aussagen, die Sachverhalte wiedergeben, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Kind ihrer Zeit

Das Puppenheim im Titel ist gestrichen, dafür hat August Bebel den ersten Auftritt und spricht von der Misere der heutigen Ehefrau, aus dem1879 erschienen Text «Die Frau und der Sozialismus». Er ist damit genauso alt wie Ibsens «Nora», die Regisseur Tom Kühnel hier und heute verhandeln will. Das mit dem Sozialismus hat sich überlebt, aber die Misere ist geblieben.

...

Schuld und Süßigkeiten

Noch immer betrete ich das Humboldt -forum mit Skepsis. Der Abriss des Palasts der Republik und die Rekonstruktion des preußischen Stadtschlosses, der Versuch also, DDR-Geschichte in Berlins Mitte einzutauschen gegen die nicht minder problematische preußische Tradition, ist der eine Haken – die Unterbringung des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische...

Im Dienst der guten Sache

Einmal im Jahr 1989, als die Mauer offen ist und sich der politische Protest langsam von den Straßen wieder in die Gemeinderäume der Bürgerbewegung verschiebt, heißt es: «Der langweiligste Teil war der bedeutendste einer Revolution. Aufruhr war nur am Anfang wichtig.»

Der Satz ist in mehrerer Hinsicht wahr. Auch in poetologischer. Es ist die große Kunst des Autors...