Von Sinnen vor Schönheit
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt naht, mit ihr die Möglichkeit der ersten Landesregierung mit AfD-Beteiligung, womöglich sogar eine Alleinregierung. In diesem Kontext erschien Mitte April eine gemeinsame Erklärung der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und weiterer Kulturinstitutionen aus dem Bundesland.
Es ist kein Wahlaufruf, einfach eine genaue Lektüre: der kulturpolitischen Aussagen im Programm der anhaltinischen AfD unter Motti wie «patriotische Wende» und «#deutschdenken».
Für mich aus zwei Gründen bemerkenswert: Erstens, weil sich hier Institutionen zu Wort melden, die direkt und ganz konkret von einer AfD-Regierung betroffen wären. Klar kann man sagen: Wer, wenn nicht sie, sollte hier das Wort ergreifen? Gleichzeitig erfordert es auch Mut, denn im Falle dieser «patriotischen Wende» könnte es bedeuten: Kürzen oder Einstellen von finanzieller Förderung, das Ende von Karrieren. Denn es ist anzunehmen, dass nicht nur die kulturell interessierte Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt solche Erklärungen, und wer dort unterschreibt, genau liest – sondern eben auch die örtliche AfD.
Bemerkenswert ist aber auch, wer alles die Erklärung unterstützt. Nicht nur Theater und Kabarette etwa in Magdeburg und Halle. Nicht nur Gedenkstätten für Opfer des Nationalsozialismus in Bernburg und Langenstein-Zwieberge, die durch die AfD-Fokussierung auf die «guten Seiten der deutschen Geschichte» bedroht sind. Nicht nur die Stiftung Bauhaus Dessau – das Bauhaus, das es offenbar 100 Jahre später noch schafft, zu provozieren, und deswegen von der AfD als Ausdruck der «Identitätlosigkeit» kritisiert wird. Sondern auch die Kulturstiftung Dessau Wörlitz.
Der Vesuv von Wörlitz
Deren Internetadresse www.gartenreich.de gibt einen Hinweis für Nicht-Anhaltiner, wer hier auftritt: Das Unesco-Weltkulturerbe rund um den Wörlitzer Park. Prinz Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau ließ ihn ab 1765 errichten. Im Sinne der Aufklärung stand es allen frei, sie zu besuchen: die unzähligen Teiche, Kanäle und Brücken, Bauten und Inseln inklusive künstlichem Vulkan, dem Vesuv von Wörlitz.
Hier könnte ich Goethe zitieren, der den Park als «unendlich schön» gerühmt hat. Ich möchte aber lieber Matrjona Rul zu Wort kommen lassen:
1925 geboren, wuchs sie in der Nähe vom ukrainischen Cherson auf. Die Stadt im Süden der Ukraine, im Norden des Flusses Dnepr, die seit 2022 unter Dauerbeschuss steht, von russischen Stellungen vom anderen Ufer aus. Den Holodomor, die Anfang der 30er Jahre vom Sowjet-Staat verursachte Hungerkatastrophe in der Ukraine, überlebte Matrjona Rul nur knapp. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie unter deutscher Besatzung verschleppt. Als sogenannte «Ost-Arbeiterin» wurde sie gezwungen, Waffen herzustellen: In einer Fabrik der Westfälisch-Anhaltinischen Sprengstoff-AG, der WASAG in Coswig/Anhalt.
Coswig liegt am Nordufer der Elbe, am anderen Ufer aber liegt der Wörlitzer Park. Und die junge Frau, die Fabrik und Lager ohne Erlaubnis nicht verlassen durfte; und die immer den Aufnäher «OST» für Ostarbeiter tragen musste, weiße Lettern auf blauen Grund – die stiehlt sich raus:
«Stellt euch vor, wir zwei Närrinnen, meine Freundin Polina und ich. Der ‹Pressbetrieb› hing uns zum Halse heraus. Wir hörten davon, dass in der Nähe ein wunderbarer Park mit Seen ist. Den wollten wir nur ein einziges Mal sehen, in vollen Zügen frische Luft atmen und dann sterben. Das war 1942. Wir trennten das Zeichen OST ab, frisierten uns ein wenig die Haare. Auf Schleichwegen gingen wir nach Wörlitz. Zum Glück waren dort viele Leute. Wir verloren uns in der Menge. Es war auch keine Wache zu sehen. Wem von den Nazis sollte auch in den Kopf kommen, dass zwei hungrige Mädchen dort hinkommen, um sich an der Natur zu erfreuen. Wenn es auch schwer zu glauben ist, ich sage die Wahrheit. Wir waren wie von Sinnen über soviel Schönheit. Dann stärkten wir uns an Sauerampfer, Wiesenknoblauch und Hasenkohl. In unserer Schwelgerei bemerkten wir gar nicht, wie es Abend wurde. Die Dunkelheit brach herein, als wir in einem Turm waren. Schließlich fand sich eine gutherzige Deutsche, die uns zur Elbe brachte, sogar bis zum Lager begleitete.»
Auf dieses Zitat bin ich im Bändchen «Mädchen, wo seid ihr?» gestoßen. Ehemalige Zwangsarbeiterinnen kommen dort zu Wort. Die Archivarin des späteren VEB-Chemie Werks Rosemarie Konopka hatte sie Ende 1980er Jahre aufgespürt, in der damaligen Sowjetunion; vor Ort wurden sie von den Schriftstellern Wladimir Lipski und Bogdan Tschaly interviewt. Das Buch ist eine der Quellen für mein neues Stück «OST». Wenn es im Dezember am Schauspiel Leipzig zur Uraufführung kommt, hat Sachsen-Anhalt gewählt. Das Buch, es ist vergriffen.
Auf der Website vom Wörlitzer Park, auf www.gartenreich.de, findet sich im März 2022 übrigens folgender Eintrag: «FREIER EINTRITT für Geflüchtete aus der Ukraine: Wir möchten den Menschen aus der Ukraine das Ankommen in Deutschland leichter machen und – falls möglich – für ein wenig Ablenkung sorgen.»
WOLFRAM HÖLL, geb. 1986 in Leipzig, lebt in Biel/Schweiz. Für seine Stücke «Und dann» und «Drei sind wir» wurde er jeweils mit dem Mülheimer Dramatikpreis ausgezeichnet.
Theater heute Juli 2026
Rubrik: Magazin, Seite 73
von Wolfram Höll
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