Leben am Limit
Wie kann es sein, dass Menschen Liebe mit Gewalt verwechseln? Menschen, meist männliche sozialisierte, die, wenn sie sprächen, versichern würden, dass die Härte, das Anbrüllen, die Faust ins Gesicht aus Liebe geschehen. Wie nebenbei umkreist die Schauspielerin Vernesa Berbo diese Frage in ihrem ersten Roman «Der Sohn und das Schneeflöckchen». Sie schildert darin, wie zwei jugendliche Schwestern in Sarajevo den Bosnien-Krieg erleben. Die ältere der beiden, Dijana, wird immer schon von allen «Sohn» genannt.
Dass sie die Rolle als Beschützer:in der Familie einnimmt, eröffnet einen überraschend neuen und nahe gehenden Blick auf Genderrollen im Krieg.
Der Bürgerkrieg, in dem über 100.000 Menschen sterben, beginnt hier merkwürdig alltäglich: Eben noch verfolgt Dijanas kleine Schwester Dada, genannt Schneeflöckchen, mit ihrer besten Freundin Leyla kichernd eine Gruppe Jungs, in der Hand das erste Frühlingseis des Jahres 1992. Am Straßenrand leuchtet ein Graffiti: «Das hier ist Serbien». Darunter hat jemand als Antwort gesprüht, «Nein, du Depp, das hier ist die Post!». Die Mädchen geraten in eine Friedensdemonstration, laufen fröhlich mit. Und plötzlich fallen Schüsse.
Niemand kann sich ...
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Theater heute Dezember 2025
Rubrik: Bücher, Seite 50
von Cornelia Fiedler
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