Leben am Limit
Wie kann es sein, dass Menschen Liebe mit Gewalt verwechseln? Menschen, meist männliche sozialisierte, die, wenn sie sprächen, versichern würden, dass die Härte, das Anbrüllen, die Faust ins Gesicht aus Liebe geschehen. Wie nebenbei umkreist die Schauspielerin Vernesa Berbo diese Frage in ihrem ersten Roman «Der Sohn und das Schneeflöckchen». Sie schildert darin, wie zwei jugendliche Schwestern in Sarajevo den Bosnien-Krieg erleben. Die ältere der beiden, Dijana, wird immer schon von allen «Sohn» genannt.
Dass sie die Rolle als Beschützer:in der Familie einnimmt, eröffnet einen überraschend neuen und nahe gehenden Blick auf Genderrollen im Krieg.
Der Bürgerkrieg, in dem über 100.000 Menschen sterben, beginnt hier merkwürdig alltäglich: Eben noch verfolgt Dijanas kleine Schwester Dada, genannt Schneeflöckchen, mit ihrer besten Freundin Leyla kichernd eine Gruppe Jungs, in der Hand das erste Frühlingseis des Jahres 1992. Am Straßenrand leuchtet ein Graffiti: «Das hier ist Serbien». Darunter hat jemand als Antwort gesprüht, «Nein, du Depp, das hier ist die Post!». Die Mädchen geraten in eine Friedensdemonstration, laufen fröhlich mit. Und plötzlich fallen Schüsse.
Niemand kann sich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2025
Rubrik: Bücher, Seite 50
von Cornelia Fiedler
Wie soll man sich mit der DDR beschäftigen? Ein Geschichtsbuch zu wälzen kann fad und trocken sein. Wenn die persönliche Verbindung zur Geschichte fehlt, immerhin ist die überwiegende Bevölkerung in Westdeutschland sozialisiert, verkommt das Geschehen zu bloßen Fakten aus Namen und Daten. In der Literatur ist es anders. Sie vermag es, durch die Beschreibung von...
Als einen der größten deutschen Schauspieler des 20. Jahrhunderts, als Frauenliebling und Romeo, dann klassischen Heldenspieler, von Tasso, Hamlet, Don Carlos, Faust, Mephisto, Jedermann, Richard III. bis zu Lear – geschätzt von den Regisseuren Fehling, Stroux, George, Gründgens, Noelte – hat ihn Jürgen Flimm gewürdigt und ihm 1994 zum 80. Geburtstag eine mit...
In Arthur Schnitzlers «Reigen» sagt in der fünften Szene der Ehemann zu der jungen Frau: «Uns wird das, was man so gemeinhin die Liebe nennt, recht gründlich widerwärtig gemacht; denn was sind das schließlich für Geschöpfe, auf die wir ange -wiesen sind!» Die beiden haben sich zusammengefunden, obwohl sie nicht zusammen -gehören. Sie werden wieder auseinander...
