«Wenn das mit Polen erledigt ist»

Roswitha Quadflieg liest die bisher unbekannten Tagebüchern ihres Vaters Will Quadflieg aus den Jahren 1945–46

Theater heute - Logo

Als einen der größten deutschen Schauspieler des 20. Jahrhunderts, als Frauenliebling und Romeo, dann klassischen Heldenspieler, von Tasso, Hamlet, Don Carlos, Faust, Mephisto, Jedermann, Richard III. bis zu Lear – geschätzt von den Regisseuren Fehling, Stroux, George, Gründgens, Noelte – hat ihn Jürgen Flimm gewürdigt und ihm 1994 zum 80. Geburtstag eine mit vielen Schauspieler-Statements, Programmen, Materialien bestückte Bildbiografie gewidmet. 2003 starb Quadflieg, 89 Jahre alt.

Quadflieg gelang in der Nazizeit die Kunst, auf dem schmalen Grat zwischen der Zufälligkeit unschuldigen Gelingens und gesicherter Routine Erfolge zu feiern, sich nie anzubiedern, aber doch mitzumachen. Obwohl er auch in propagandistischen (nach 1945 verbotenen) Filmen wie «Mein Leben für Irland» und «GPU» mitgewirkt hatte und bis Mai 1945 wie Bernhard Minetti und Matthias Wiemann vor Landsern an der Front sowie in Spitälern als Rezitator im Einsatz war, galt Quadflieg als nicht belastet, er konnte reisen und auch bald wieder spielen. Er war nicht in der Nationalsozialistischen Partei, hatte Freunde, die ihn entlasteten, er war beliebt und hilfsbereit, er hielt sich an die amtlichen Regeln, beanspruchte für sich nur gelegentlich Ausnahmen von der Regel. Er war kein Untertan, nur Zeitzeuge. Erst als Siebzigjähriger bekannte er in einem Fernsehfilm von Helmar Harald Fischer über «Verschwundene Lieblinge» und deren Mitläufertum in den Nazijahren: «Auch ich bin ein Mitläufer gewesen.» Kürzlich erschien nun, herausgegeben von seiner 1951 geborenen Tochter Roswitha, das Tagebuch, das Quadflieg 1945/46 führte, als seine schwedische Frau mit den Kindern nach Schweden gereist war, er aber als Deutscher die Grenze nicht passieren durfte. Erst Ende September 1946 war die Familie wieder vereint. Die 1940 geschlossene Ehe mit Benita von Vegesack bestand bis 1963. Sie wusste, dass ihr Ehemann ein begehrter Liebhaber war, aber sie hatte auch ihren Beruf, und die Macht der Ohnmacht beherrschte sie wie er.

Nach dem Tod ihrer Mutter 2011 fand Roswitha Quadflieg in deren Nachlass die Briefe und Tagebücher ihres Vaters, die ihr Anlass zu einem posthumen Gespräch mit ihm sind, über Fragen, die sie ihm zu Lebzeiten nicht stellen konnte oder auf die er nur ausweichende Antworten gab. «Ich bin irritiert, wie positiv du über SS-Leute sprichst. Hatten sie sich dir gegenüber schon öfter als Gebildete, Feinsinnige gezeigt, als die mit den ‹weißen Westen›, die sie gern vorgaben zu sein? Vielleicht, wenn sie dir im Theater applaudierten? ... Von heute aus gesehen erscheint mir das alles fast unvorstellbar, denn seit der ‹Kristallnacht› am 9. November 1938 spätestens müsste jedem in Deutschland doch klar gewesen sein, welche Gesinnung und Brutalität sich hier offenbarte. Aber selbst das scheint bei vielen – und ganz eindeutig auch bei dir, einem Feinsinnigen, Gebildeten – kein Umdenken herbeigeführt zu haben. Das festzustellen ist hart. Ich will dich nicht vorführen – aber …»

«Immer mehr erkenne ich alles Geschehen im höheren Strom des kosmischen Geschehens – und nur so erhält man sich die Ruhe der Seele allem Chaos des politischen Vordergrundes gegenüber.» (18. April 45) – «Berlin mitten im Straßenkampf – und ich bin nicht da bei den Freunden, mich hat das Schicksal vorher weggeführt. An allen Brücken in Lübeck liegen jedenfalls die Sprengbomben bereit. Man muss alles erwarten und tapfer sein.» (23. April 45) – «Arbeit und Beschäftigung mit Goethe gibt mir viel Trost und Kraft. Bin berührt von einem Ausspruch gegen Eckermann, dass die Sonne und Christus die beiden Mächte seien, vor denen er sich in verehrender Anbetung beuge.» (27. April 45) –

«Nun liegt Hitler im Sterben, und Himmler bietet die Kapitulation an. Wir warten, dass die Engländer jede Stunde Lübeck erreichen. Sie sind im Anmarsch. Mein geliebtes Land, ich glaube, dass dieser Zusammenbruch notwendig ist, damit du deine wahre Aufgabe wieder erkennst. Dieser Glaube macht mich ruhig in diesen Tagen.» (30. April 45) Die bisher unbekannten Briefe und Tagebücher ihres Vaters belegen, dass er kein Gegner der Nazis war, sondern sich eher ganz linientreu verhielt, Deutschland bei Kriegsausbruch nicht verlassen wollte, sondern glücklich war und die Täter zu Opfern eines «karmischen Schicksals» erklärte. Am 9. September 1939 schrieb er: «Wenn das mit Polen so weitergeht, ist Polen in 10 Tagen erledigt, ‹wenn!› hoffentlich!» – Zu der von ihrem Vater häufig und gern gebrauchten Formulierung «den Rest hatte ich mit meinem Gewissen abzumachen» erklärt die Tochter: «Ein Ausdruck, der mir typisch für dein ständiges Durchlavieren erscheint – durch die politischen Verhältnisse wie durch deine Affären.»

Das Tagebuch Will Quadfliegs aus den Jahren 1945/46 und die Fragen seiner Tochter sind eine erkenntnisreiche Lektüre und ergänzen die Bildbiografie Jürgen Flimms und die Memoiren des Schauspielers und großen Sprechkünstlers, der sich im Alter schließlich doch noch um die Fähigkeit bemühte, wirklich trauern zu können. Roswitha Quadflieg erklärt am Schluss entschieden: «Was aber bei aller ‹Verstricktheit›, der ich hier begegnet bin, nicht untergehen darf, ist, auf deine große Liebe zu der Frau gestoßen zu sein, die vier Jahre später meine Mutter wurde und ein unabdingbares Brennen für das Theater. Für das gesprochene Wort.» 

Will und Roswitha Quadflieg «Ich will lieber schweigen»
Das Tagebuch eines Schauspielers aus den Jahren 1945/46 und die Fragen seiner Tochter.
Kanon Verlag, Berlin 2025, 296 Seiten, 26 €


Theater heute Dezember 2025
Rubrik: Bücher, Seite 46
von Klaus Völker

Weitere Beiträge
Spielpläne 12/25

AACHEN, GRENZLANDTHEATER
5. nach Hub, Das letzte Schaf
R. Anja Junski

ANNABERG-BUCHHOLZ, ERZGEBIRGISCHE THEATER
13. Krasznay-Krausz, Die gelbe Lilie (DE)
R. Christian von Götz

AUGSBURG, STAATSTHEATER
13. Baudy, Tatort Augsburg Folge 9: Walsturz (U)
R. David Ortmann

BASEL, THEATER
12. Schamoni und Ensemble, Die Ritter des Mutterkorns
R. Rocko Schamoni

BAUTZEN, DEUTSCH-SORBISCHES...

Probleme im Stadtbild

Drei Tage bevor Burhan Qurbanis Kafka-Überschreibung «Verwandlung» in der Altonaer Außenstelle Gaußstraße des Hamburger Thalia Theaters zur Uraufführung kommt, steht Bundeskanzler Friedrich Merz auf einer Bühne in Potsdam und lobt die Abschiebepolitik seiner Regierung, gleichwohl gebe es immer noch «Probleme im Stadtbild», weswegen weiterhin «im großen Umfang Rückführungen» notwendig...

Möbliertes Alleinsein

In Arthur Schnitzlers «Reigen» sagt in der fünften Szene der Ehemann zu der jungen Frau: «Uns wird das, was man so gemeinhin die Liebe nennt, recht gründlich widerwärtig gemacht; denn was sind das schließlich für Geschöpfe, auf die wir ange -wiesen sind!» Die beiden haben sich zusammengefunden, obwohl sie nicht zusammen -gehören. Sie werden wieder auseinander gehen, und der oder die eine...