Kunstwelten und Bruchlinien

Im Deutschen Schauspielhaus Hamburg seziert Thom Luz Inger Christensens «alphabet», im Malersaal inszeniert Tristan Linder Oscar Wildes «Das Bildnis des Dorian Gray», und im Thalia Theater untersucht Lilja Rupprecht Heinrich von Kleists «Der zerbrochne Krug»

Theater heute - Logo

Die «Fibonacci-Folge» ist ein mathematisches Gedankenexperiment, mit dem Leonardo Fibonacci 1202 das Wachstum der Kaninchenpopulation beschrieb: eine unendliche Abfolge natürlicher Zahlen, bei der jede neue Zahl aus der Addition der beiden vorangegangenen gebildet wird. Also: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 und so weiter. Inger Christensens 1981 erschienenes Langgedicht «alphabet» ist nach dem Prinzip der Fibonacci-Folge aufgebaut: Die alphabetische Aufzählung von Weltbeobachtungen beginnt mit einer Zeile, dann noch eine Zeile, dann zwei, drei, fünf.

Christensens Alphabet geht bis zum Buchstaben «n», dann bricht es ab: Die Fibonacci-Folge wächst exponentiell an, bei «n» hat man schon über 600 Zeilen erreicht, bis «z» hätte das Gedicht sich selbst gesprengt.

Für die Bühne ist «alphabet» in seiner abstrakten Intellektualität natürlich in keiner Weise tauglich. Und entsprechend von Reiz für ein ambitioniertes Theater wie das Deutsche Schauspielhaus Hamburg. Einer der ästhetischen Stränge, die die Dramaturgie hier verfolgt, hat mit experimenteller Literatur zu tun – wie Annita Vulesicas Theatertreffengeadeltes «Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh» (TH 1/25) vor zwei Jahren. Und jetzt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Diskursgemüse zum Schnitzel

Theater heute Matthias Dell, wir kennen und schätzen Sie als Kollegen und Kulturjournalisten. Jetzt kuratieren Sie für das Berliner Theatertreffen das Begleitprogramm – wozu genau sind Sie da gebeten?
Matthias Dell Die Anfrage hat mich sehr gefreut, weil noch kaum jemand in meinem beruflichen Leben so schön über meine verstreute Arbeit als freier Journalist...

​​​​​​​Theater Erwachen

Vom Jahrmarkt auf den Friedhof: Wo sich zu Stückbeginn im Landestheater Eisenach das jugendliche Ensemble noch im Büchsen -werfen übt und munter auf dem Karussell herumklettert, das Verena Hemmerlein als Szenenbild auf die Bühne gestellt hat, künden nach der Pause Grabsteine vom Tod von zwei der Protagonist:innen auf der Bühne. Von seiner Dramatik hat Frank...

Der ferne Schrecken

Die verstörendsten Geschichten sind nicht jene, in denen der Horror in die Normalität des Alltags einbricht. Es sind jene, in denen der Horror aus ihm herausbricht und freilegt, was sich hinter der vermeintlich intakten Oberfläche verbirgt. Ein Glanzstück dieser Art ist die 1948 erschienene Kurzgeschich -te «Die Lotterie» der amerikanischen Autorin Shirley Jackson...