Kunstwelten und Bruchlinien
Die «Fibonacci-Folge» ist ein mathematisches Gedankenexperiment, mit dem Leonardo Fibonacci 1202 das Wachstum der Kaninchenpopulation beschrieb: eine unendliche Abfolge natürlicher Zahlen, bei der jede neue Zahl aus der Addition der beiden vorangegangenen gebildet wird. Also: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 und so weiter. Inger Christensens 1981 erschienenes Langgedicht «alphabet» ist nach dem Prinzip der Fibonacci-Folge aufgebaut: Die alphabetische Aufzählung von Weltbeobachtungen beginnt mit einer Zeile, dann noch eine Zeile, dann zwei, drei, fünf.
Christensens Alphabet geht bis zum Buchstaben «n», dann bricht es ab: Die Fibonacci-Folge wächst exponentiell an, bei «n» hat man schon über 600 Zeilen erreicht, bis «z» hätte das Gedicht sich selbst gesprengt.
Für die Bühne ist «alphabet» in seiner abstrakten Intellektualität natürlich in keiner Weise tauglich. Und entsprechend von Reiz für ein ambitioniertes Theater wie das Deutsche Schauspielhaus Hamburg. Einer der ästhetischen Stränge, die die Dramaturgie hier verfolgt, hat mit experimenteller Literatur zu tun – wie Annita Vulesicas Theatertreffengeadeltes «Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh» (TH 1/25) vor zwei Jahren. Und jetzt ...
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Theater heute Mai 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Falk Schreiber
Meursault, der Held aus dem existenzia -listischen Romanklassiker «Der Fremde» (1942), ist ein Mann ohne Eigenschaften. Den Tod seiner Mutter nimmt der Franko-Algerier anscheinend ungerührt zur Kenntnis. Wenn Marie, seine Geliebte, ihn fragt, ob er sie heiraten will, sagt er nur: «Wir können es tun, wenn du es willst.» Und den Mord an einem «Araber», für den er in...
Um auch mal mit etwas Positivem anzufangen: Man muss sie längst nicht mehr suchen, die Pionierinnen haben ganze Arbeit geleistet, und Parität scheint in greifbare Nähe gerückt. So wie vielerorts haben in München derzeit Frauen die Regie in der Hand und das in Jette Steckels Adaption von Michail Bulgakows Kultroman «Meister und Mar -garita» im Schauspielhaus der...
Wie lebt es sich so in den letzten Monaten, Jahren einer liberalen Demokratie? Merkt man schon, dass eine neue Stimmung, eine andere Sprache, ein besonderer Menschenschlag die Weltbühne betritt? In Anna Gmeyners 1932 in Berlin uraufgeführter und dann bis 2021 vergessener Tragikomödie «Automatenbüfett» lassen sich durchaus Sprachfetzen identifizieren, die im...
