Kunstwelten und Bruchlinien
Die «Fibonacci-Folge» ist ein mathematisches Gedankenexperiment, mit dem Leonardo Fibonacci 1202 das Wachstum der Kaninchenpopulation beschrieb: eine unendliche Abfolge natürlicher Zahlen, bei der jede neue Zahl aus der Addition der beiden vorangegangenen gebildet wird. Also: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 und so weiter. Inger Christensens 1981 erschienenes Langgedicht «alphabet» ist nach dem Prinzip der Fibonacci-Folge aufgebaut: Die alphabetische Aufzählung von Weltbeobachtungen beginnt mit einer Zeile, dann noch eine Zeile, dann zwei, drei, fünf.
Christensens Alphabet geht bis zum Buchstaben «n», dann bricht es ab: Die Fibonacci-Folge wächst exponentiell an, bei «n» hat man schon über 600 Zeilen erreicht, bis «z» hätte das Gedicht sich selbst gesprengt.
Für die Bühne ist «alphabet» in seiner abstrakten Intellektualität natürlich in keiner Weise tauglich. Und entsprechend von Reiz für ein ambitioniertes Theater wie das Deutsche Schauspielhaus Hamburg. Einer der ästhetischen Stränge, die die Dramaturgie hier verfolgt, hat mit experimenteller Literatur zu tun – wie Annita Vulesicas Theatertreffengeadeltes «Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh» (TH 1/25) vor zwei Jahren. Und jetzt ...
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Theater heute Mai 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Falk Schreiber
Auf die Frage, in welche Zeit sie am liebsten reisen würden, antworten die vier Ensemblespieler:innen vom Staatstheater Cottbus: in die Vergangenheit. Vielleicht, weil die Zukunft ihnen Angst macht – das jedenfalls wäre die These der Zukunftsforscherin Florence Gaub, die im zweiten Teil von Helgard Haugs «Die Zeitmaschine» einen kurzen Auftritt als KI-Hybrid hat....
Paulina Alpen als Gregor Samsa macht jedes Käferkostüm überflüssig. Sie spielt’s einfach: biegt sich nach hinten in die Brücke und geht behände auf allen Vieren. Zieht den Kopf ein, nimmt einen Apfel zwischen die Hände und zermalmt ihn mit den Zähnen – mit gieriger, aber beharrlicher Gründlichkeit, wie man es etwa bei Rosenkäfern, die sich auf einer Doldenblüte...
Zwei Ertrinkende, die sich aneinander klammern: Alexandra (Katharina Linder) und Chance (Arash Nayebbandi). Sie, die gealterte Filmikone, die ihre Angst vor Bedeutungsverlust mit Alkohol und Sex zu betäuben sucht, er, ein Hallodri und gut aussehender Taugenichts. Zu Beginn von Max Lindemanns Inszenierung von Tennessee Williams’ Klassiker «Süßer Vogel Jugend» von...
