Kulturen und Clashes

Ersan Mondtag entdeckt den deutschen Mittelstand in «Kaspar Hauser und Söhne», Yael Ronen führt die aufklärerische Vernunft in «A Walk on the Dark Side», und Dieudonné Niangounas «Phantom» sucht Afrika im Schwarzwald. Neue Stücke in Basel und Berlin

Theater heute - Logo

Jeder für sich hat seine Eigenheiten, aber alle zusammen sind sie eine wirklich herzwärmende Urhorde: neun Menschlein, nackt und schamfrei in ausgepolsterten Body­suits mit dicken Bäuchen, hängenden Brüsten, kleinen Schrumpelpimmeln, schwabbelnden Fettpolstern, wie sie mit leicht eckigen Bewegungen, dabei recht gelenkig durch ihre Familienhöhle turnen. Sie sprechen ein wenig beschränkt mit altertümelnden Stummelsätzen, sind auch sonst nicht die Allerhellsten, aber sie scheinen fleißig und um Zusammenhalt bemüht.

Man hangelt sich mangels Treppen ein wenig affenartig durchs kinderbunte Knusperheim, schläft eng aneinandergekuschelt im Matratzenlager auf dem Dachboden und geht im Erdgeschoss handwerklichen Betätigungen zum Broterwerb nach. Übertriebene Gefühligkeiten sind überflüssig im Herdenverband. Vati vergewaltigt zwischendurch Mutti und prügelt Sohn windelweich, aber man kennt sich ja: ein Herz und eine Seele mit Geschäft. Alle paar Jahrzehnte ruckelt die ganze Mischpoche eine Generationenfolge weiter durch die Zeitläufte, ohne dass sich am Sippenverband viel ändert. 

Olga Bach hat ihr neues Stück «Kaspar Hauser und Söhne» erkennbar als Voraus- und Fortsetzung ihrer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2018
Rubrik: Aufführungen: Neue Stücke, Seite 28
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Wer ist der Autor?

Fast überrascht es, dass dieses Jahr auch wieder klassische Regieformate in nennenswerter Zahl beim Festival Radikal jung vertreten sind. So weit hatte man sich in den vergangen Jahrgängen mitunter schon von der Zentralinstanz, die einen literarischen Text durch Rollenspiel in szenischen Abläufen erzählen lässt, entfernt. Zugleich sind in der 14. Ausgabe der vom...

Fernost und Wildwest

Wenn man so will, dann war das Programm des diesjährigen Heidelberger Stückemarktes ein verblüffendes und doch auch wieder verzerrendes Spiegelbild der Realität der kleinen Stadt am Neckar. Wer, wenn nicht Asiaten und Amerikaner macht das Gros der Touristen aus, die sich tagsüber und bis in die späten Abendstunden hinein durch die verwinkelten engen Gassen...

Autobiografie: Die Mitterer-Saga

In einem Innsbrucker Linienbus fahren jeden Abend zwei junge Schauspieler zur Arbeit. Der eine spielt in Felix Mitterers «Kein Platz für Idioten» einen behinderten Jungen; die andere gibt die «zruckbliebene» Beppi in «Stallerhof» von Franz Xaver Kroetz. «Zwei Deppen also in einem Bus», erinnert sich Mitterer, selbst einer der beiden Deppen – er war in seinem...