In die Breite gedacht

Am Ende der ersten Spielzeit der Zürcher Intendanz Pınar Karabulut und Rafael Sanchez gibt es in Sachen Publikumszuspruch noch Luft nach oben. Dabei war von ambitioniert nischig bis unterhaltsam vieles dabei, das Ensemble beeindruckt mit Spielfreude – und auch die Frauenquote stimmte

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Maniac» bedeutet «Mathematical and Numerical Integrator and Computer» und ist das Akronym für einen ersten Universalrechner in den kalifornischen 1950er Jahren, der damals mit tonnenschweren Glasröhren noch ein ganzes Stockwerk einnahm. Man konnte in ihn eintreten und den Bits beim Sausen zuschauen. Der Kopf dahinter war der in Budapest geborene Mathematiker János respektive John von Neumann (Matthias Neukirch), der Spieltheorie und Informatik nachhaltig beeinflusst und Grundlagen für Künstliche Intelligenz geschaffen hat. Aber auch für die Wasserstoffbombe.

Ihm widmet der chilenische Schriftsteller Benjamín Labatut den Roman «Maniac» (2023), den der Regisseur Calixto Bieito nun in eigener Fassung in Zürich auf die Bühne bringt.

Maniacs sind sie alle, die Mathematiker-Figuren, die hier aus purer Freude das Undenkbare denken und nicht nur denken, sondern, wie es eine formuliert: «über alle menschlichen Grenzen» vorstoßen wollen. Keine Kränkung ist so groß wie die, dass hinter letzte axiomatische Wahrheiten nicht zu kommen ist. Es ist die alte Geschichte vom Zauberlehrling, Bieito vermischt sie mit einer Fabel über das Go-Spiel, das der Legende nach ein chinesischer Kaiser einst erfunden hatte, um einen sadistischen Sohn im Zaum zu halten. Nur dass es hier keinen Meister mehr gibt, der dem Besen Einhalt gebieten kann, und auch der beste Go-Spieler (Lee Sedol, gespielt von Alexander Angeletta) gegen die KI schon nicht mehr ankommt.

«Technologie gehört zu uns wie das Netz zur Spinne», sagt Neumanns Schulfreund und Weggefährte Eugene Wigner (Simon Kirsch), als Zuschauer 2026 sieht man sich eher als Fliege im Netz. Die Zürcher Spieler:innen mit Lena Schwarz, Markus Scheumann, Steven Adjei Sowah, Verena Jost und Edith Saldanha spielen die Nerds mit gruselig nüchterner Besessenheit, ethische Skrupel, wie sie noch Dürrenmatts Physiker in den Wahnsinn trieben, sind in die Ferne gerückt. Calixto Bieito lässt auf seiner düsteren Bühne perforierte Rohre sich heben und senken, mal erinnern sie an einen Maschinenraum, mal an Wolkenkratzer, mal purzeln Go-Steine daraus. Er pumpt Anschaulichkeit und konkrete Atmosphäre in die theoretischen Diskurse und hebt gerade dadurch hervor, wie unausweichlich wir uns den ambivalenten Technologien schon ausgeliefert haben.

Charmeoffensive umwerfender Spiellust
Damit endet eine erste Spielzeit der Intendanz von Pınar Karabulut und Rafael Sanchez in Zürich, die sich ausgesprochen breit und vielfältig präsentiert hat, in den Stoffen und in den Formen. «Wir sind immer noch am Ankommen», sagen Sanchez und Karabulut im Gespräch. Es sei ein neues Involviertsein für sie im Haus, endlich nicht mehr im Beiboot, sondern Kapitän an Bord, aber es sei auch jetzt, nach sechs Monaten, immer noch ein Kennenlernen und Balance-Finden zwischen der eigenen künstlerischen Arbeit und der Funktion als Intendant:in.

Als großes Ausprobieren lässt sich im Rückblick auch das Spielzeitprogramm lesen, ein reiches Angebot mit stark unterschiedlichen Vorschlägen. Die Schweiz-Umarmung von «Blösch», mit der Rafael Sanchez selbst zum Saisonauftakt den Ton gesetzt hat: Im Spiel mit Volkstheaterformen bekam sie eine liebliche Anmutung, die dem starken Plot nicht gerecht werden konnte – dem gruseligen Epos von Beat Sterchi, das eine agrare Schweiz in der Krise zeigt und Bilder vom Bauernhof mit Szenen aus dem Schlachthof überschneidet. Die Gotthelf-Schweiz sieht sich der Industrialisierung ausgesetzt. In der Figur eines «Fremdarbeiters» (der Roman spielt in den 1960er Jahren) überschneiden sich die Stränge, Sterchi setzt sie in harten Schnitten von Kapitel zu Kapitel unmittelbar nebeneinander. In der Mundart-Fassung des Volksschauspielers Mike Müller im Schauspielhaus blieben sie getrennt, separat vor und nach der Pause, was wohl bühnentechnischen Gegebenheiten geschuldet ist, aber den Stoff gleichzeitig zu sehr beruhigte. Was dieser Saisonauftakt aber bereits unübersehbar präsentierte, war das tolle neue Zürcher Ensemble, eine Charmeoffensive der umwerfenden Spiellust und der wandlungsfähigen Komödiantik.

Pınar Karabulut ihrerseits zeigte mit «Sommernachtstraum» und «Il Gattopardo» zwei überfrierende Traum-Verfremdungen. Den Spuk der Sommernacht, der die Ordnungen aushebelt und das Animalische zum Vorschein bringt, ein zwanghaftes Lieben und Begehren fern aller pastoralen Anmut. Nicht wie Mendelssohnsche Bürgerelfen muten die Athener hier in Zürich an, eher wie züngelnde Reptilien, und auch Puck ist kein romantischer Kobold, sondern ein moralfreier Dämon. Das war klug und überraschend.

Auch in der Besetzung der Liebespaare mit Spieler:innen, die alle die 50 schon überschritten haben. «Zu alt für eine junge Liebe!», wie Shakespeare selbst spöttisch feststellt.

Aber nicht zu alt für das neue Zürcher Ensemble: das sich in der Altersstruktur deutlich verschoben hat. Namentlich im weiblichen Ensemble fällt auf, dass Spielerinnen über 50 – es sind nahezu die Hälfte! – außergewöhnlich stark repräsentiert sind. Eine Künstlerin wie Yvon Jansen (im «Sommernachtstraum» die Helena) prägt sich im Saisonrückblick denn auch mit zwei stupend ausgereiften Darstellungen ein: der stummen Johanna in Marie Schleefs Schiller-Überschreibung «Are You Ready to Die», die das Warten auf den Tod in veristischer Zeitlupe durchlebt. Und als eisig auf Rache sinnende Hekabe in der Euripides-Inszenierung von Angeliki Papoulia und Christos Passalis, einer sehr ernsthaften, bildmächtigen Arbeit, in der das Tragische direkt an uns heranrückt und die zu den stärksten Inszenierungen der Saison zählt.

Bemerkenswerte Frauenquote
Es sind auch diese möglicherweise unscheinbaren, aber alles andere als wirkungslosen strukturellen Veränderungen und Entwicklungen im Hintergrund, die am neuen Schauspielhaus auffallen: Die Ensemblestruktur, die ältere Spieler:innen nicht benachteiligt. Die bemerkenswerte Frauenquote bei den Regiepositionen – elf (plus ein gemischtes Double plus ein nonbinäres Trio) von sechzehn Premieren –, die einfach mal gesetzt ist, aus künstlerischen Gründen, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Dass nicht nur die von den Vorgängern eingeführte Agentin für Diversität, Yuvviki Dioh, am Haus weiterwirkt, sondern mit Rahel Hubacher neu auch eine Ensemblepsychologin als eingebettete Ansprechpartnerin für Konflikte, die sich so im Idealfall lösen oder zumindest ansprechen lassen, bevor sie eskalieren und zur Belastung werden.

Auf der Passiv-Seite ist der Abgang von Suna Gürler zu verzeichnen, die mit dem Jungen Schauspielhaus in den vergangenen Jahren eine herausragende Arbeit vorgelegt hat, die das neue Team nicht erreicht. Dem Ensemble Sorge tragen: Das erweist sich im Gespräch mit Sanchez und Karabulut als Leitmotiv. «Wir lieben unser Ensemble!», bekräftigen sie beide. Tatsächlich bekommen Spieler:innen schönen Raum im Programm. Lev Friedmann mit der «Stützliwösch Supertrans»-Trilogie auf der kleinen Kammerbühne so gut wie Markus Scheumann als «Gattopardo» in der großen Schiffbauhalle. Mit 36 Vorstellungen und einer traumhaften Auslastung von 99 Prozent erweist sich Karabuluts Inszenierung als Renner der Saison und erfolgreichste Produktion im Schiffbau, seit Christoph Marthaler die Spielstätte vor 26 Jahren für Zürich entdeckt hat.

Die Inszenierung war zum Berliner Theatertreffen eingeladen, hat in Berlin allerdings unter dem Transferverlust stark gelitten. In der Spielweise, aber schon im Setting: Auf einer Guckkastenbühne wie im Haus der Berliner Festspiele musste sie wie aus einer Puppenstube wirken. Sie braucht die Halle, sie braucht die Verfremdung, den Einlass von hinten her, den Gang durch die konkreten Flure in den abstrakten Zuschauraum. Die Passage durch den Korridor der Geschichte, die sich in der Aufführung listig als verführerischer Traum wiederholt.

Da fehlte wohl manchmal noch die ausgefuchste Erfahrung – ein alter Theaterhase hätte vielleicht auf die Ehre der Theatertreffen-Eröffnung verzichtet und das Stück dafür an einem geeigneten Ort spielen lassen. Oder statt des Wiener Schubladenstücks von Barbi Markovic das Auftragswerk einer weniger gehypten Autorin eingekauft, die dafür Lust hat, sich tatsächlich auf Zürich einzulassen.

Schauermärchenzahlen
Die durchschnittliche Publikumsauslastung liegt Ende Mai bei 49 Prozent, das gab das Schauspielhaus bekannt, nachdem in Teilen der Presse schon zur Spielzeitmitte Schauermärchenzahlen von 17 Prozent kursierten. 17 Prozent! Das müsste ein Haus erst mal hinbekommen. Die Realität ist nicht berauschend, aber auch nicht ungewöhnlich für den Start einer neuen Intendanz. (Mal abgesehen vom generellen Publikumsschwund seit Corona.) Der Publikumsaufbau dauert, eine Ära hat sich nicht nach einer halben Saison etabliert, insbesondere nicht in einer halbherzigen Theaterstadt wie Zürich. Karabulut und Sanchez planen über die fünf Jahre, für die sie erst mal engagiert sind. Das Publikum, das kommt, sei treu, versichern sie: Es komme wieder. Tatsächlich zeichne sich ein Aufwärtstrend in der zweiten Spielzeithälfte ab. Und was «richtig gut» laufe, sei der Vorverkauf bis Dezember ’26, der als Neuerung schon in der laufenden Spielzeit angelaufen ist.

«Natürlich beschäftigt uns die Frage nach der Auslastung, wir lieben volle Theater, und wir wissen, was für eine andere Energie es auf der Bühne gibt, wenn ein Saal voll ist. Aber wir wollen Kunst machen, nicht Kommerz. Wir wollen nicht am Ende bei Jeff Koons landen. Das ist der Spagat, den wir leisten müssen und wollen», hält Pınar Karabulut fest. Ein Learning sei, die Kommunikation zu verstärken und zu verbessern, vermehrt den Dialog zu führen, um die unterschiedlichen Blickwinkel in der Stadt kennenzulernen.

Eine erste direkte Folge davon ist Sanchez’ Inszenierung des Agatha-Christie-Klassikers «Die Mausefalle» auf Anregung einer Zuschauerin: «Wir stehen oft im Foyer, und es kommen wirklich viele Leute, die sagen, macht mal was Lustiges, oder macht mal einen Krimi.» Der nachhaltige Kniff dabei: Die «Mausefalle» wird im Bühnenbild von «Il Gattopardo» spielen. Was zugleich mehr Vorstellungen in der teuren Schiffbauhalle ermöglicht, die dem Schauspielhaus nicht ganzjährig zur Verfügung steht und als Theaterraum für jede Vorstellungsserie neu auf- und abgebaut werden muss. «Es ist eine eindeutige Einladung an das Publikum», betont Sanchez: «Wir wollen auch Kunst machen für Leute, die einmal im Jahr ins Theater gehen und da ihren 50. Geburtstag feiern möchten.»

Strategie der Masse
Arbeiten wie der so bunte wie kluge «Sommernachtstraum» mit 58 Prozent Auslastung und das empowernde «Stützliwösch Supertrans» mit 78 Prozent erreichen das Publikum, andere wie der afrofuturis -tische Mitmachabend «On the Way to Becoming» des Duos Ta-Nia (41 Prozent) oder das konzeptuell nicht scharf zu Ende gedachte «Monster» von Anta Helena Recke (33 Prozent) weniger, respektive bloß die eigene Bubble. Und die ist im kleinen Zürich schnell durch. Die numerisch kleine Fragmentierung ist eine Besonderheit des Zürcher Publikums – das Schauspielhaus hat die Aufgabe, in allen Teilen darauf einzugehen. Das ist der Unterschied zum benachbarten Neumarkt-Theater, das Rafael Sanchez 2008 bis 2013 mit der Regisseurin Barbara Weber zusammen geleitet hat und das sich das Experiment in die Statuten geschrieben hat: «Da ist die Vorgabe bloß, dass du so viel einnehmen musst, wie du für Werbung ausgibst. Wenn zwei Arbeiten einigermaßen laufen, bist du fein raus. Im Neumarkt geht es darum zu entdecken, zu riskieren, aufs Polizeipräsidium zitiert zu werden und das Niederdorf aufzumischen.»

Das Schauspielhaus hingegen muss in die Breite denken – den Auftrag haben sich Sanchez und Karabulut in dieser ersten Spielzeit womöglich gar zu sehr zu Herzen genommen. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen: Goethes klassische Strategie der Masse hat in Zürich paradoxerweise dazu geführt, dass das Publikum sich zunächst eher verunsichert sah und der Eindruck von Beliebigkeit entstehen konnte. Durch das Prisma der unterschiedlichen vorgeschlagenen Handschriften lässt sich eine «Corporate Identity» noch nicht so recht ausmachen, ein klares dramaturgisches Profil wie bei den Vorgänger:innen Christoph Marthaler / Stefanie Carp, Barbara Frey oder Nicolas Stemann / Benjamin von Blomberg fehlt noch. Mit denen die Zürcher:innen allerdings zuerst auch nicht zufrieden waren.


Theater heute August-September 2026
Rubrik: Bilanz, Seite 56
von Andreas Klaeui

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