Köln: Restmenschen und Auslaufmodelle
Das Drama als Gesellschaftstanz: Grundschritt, Wiegeschritt, vor und zurück. Die bunt gekleidete Formation auf der kahlen Schauspiel-Bühne des Kölner Depots schlenkert die Glieder und wedelt hüftbetont, als würde sie unsichtbare Rumba-Rasseln schwingen. Die Muskelpakete der Männer sind unter den Shirts verrutscht wie zu Buckeln. Die Frauen sind vermummt in wattiertem Überzeug: Olga (Susanne Wolff) tonnengleich als Michelin-Frauchen und graziler Koloss, Mascha (Yvon Jansen) fußlang eingepackt, Irina (Katharina Schmalenberg) nur im Parka.
Raumbreit füllt sich ein Luftkissen auf, wie wenn ein Rieseninsekt sich entpuppt (Bühne: Bettina Pommer). Das Ensemble kugelt, hopst, lässt sich verschaukeln und hantiert mit einigem mehr an aufblasbarem Plastik-Spielzeug, während es draußen vom Sound-Desk her quiekt, rülpst und schauerlich röhrt.
Die blinkende Leuchtschrift (oft auch in Rückwärtsbewegung) «Time – No Time» zeigt an, dass für Olga, Mascha und Irina die Zeit abläuft und wie ein stilles Tosen aus ihrem Innern flutet. Am laufenden Band erscheinen Begriffe wie «LOVE», «LOOK», «FEEL», «FUCK», «KILL». Das Kürzelwesen in Großbuchstaben macht anschaulich, wie Tschechow mit Ausrufezeichen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Bierjunge!», ruft Jannik Hinsch alias Diederich Heßling seinem Gegenspieler, dem liberalen Anwalt Buck entgegen, der eben dem Publikum erklärt, dass Heßling als Untertan «der Typus seiner Zeit» sei. «Hängt!», brüllt es aus der letzten Publikumsreihe zurück. Hinsch und Lukas Rüppel, der als Buck davon träumt, Schauspieler in Berlin zu sein und dafür am liebsten in...
Die Zukunft wird weiblich», versprach das Badische Staatstheater Karlsruhe zum Saisonstart, und verwies damit zunächst mal aufs eigene Personal: Seit Sommer sind vier der fünf Spartenleitungen weiblich besetzt (das Junge Staatstheater bildet mit Otto A. Thoß die Ausnahme), und Schauspieldirektorin Anna Bergmann hat für ihre erste Spielzeit ausschließlich...
Die Lüge gibt es bekanntlich in unterschiedlich großem Zuschnitt. Meist hat sie kurze Beine und hoppelt als lässliche Schummelei daher. Manchmal wächst sie sich zu etwas Größerem aus, zum echten Trugbild, zum Bluff, zum Lügengespinst womöglich. Da streift sie dann schon die Sphäre des Künstlerischen. Aber nur ganz selten zeigt sich die elementare Lüge, die Lüge im...
