Elfriede Jelinek: SCHNEE WEISS

© Rowohlt Theater Verlag 2018

1.

 

Geben Kunde allen Menschen, hier steht es ja, nicht in dieser Zeitung, es steht auch in der elektrischen Ausgabe, nein, in der andren dort, die auch elektrifiziert und besonders erhellend ist, in dieser nicht, das werden wir uns merken, daß es hier nicht steht, in dieser andren Zeitung, die es auch noch merken wird, ich weiß nur nicht, was, denn niemand hat etwas bemerkt, das er sich länger als bis zum nächsten Tag gemerkt hätte, niemand hat etwas gesehn beim Jägervolk, das über die Hänge jagt, in den Wäldern reich, niemand hat etwas gemerkt in den Zimmern, den Gängen, das ist längst vorbei, das war vor vielen Jahren, in denen Sie noch gar nicht gelebt und keinen Spaß gemacht und keinen gehabt haben. Und wer mit Klagen droht, der erlebt sein weißes Wunder, sein ganzes weißes Wunderteam. Hier steht es, daß Kunde gegeben und Kunden genommen wurden, die Kunde gegeben, den Kunden der Berge gegeben, andre interessiert das nicht, mitnehmen verboten, außer wir schreien uns in den Wald hinein, kommen aber leider als wir wieder zurück, unverändert, außer wir verunglücken, dann interessiert uns nichts andres mehr, außer wir fallen in die Gletscherspalte wie meine liebe sportliche Nichte, sie stand in allen Zeitungen, sie stand nicht als Kundin dort, sie stand nicht, sie steckte, nicht wahr, sie steckte in einer eiskalten Spalte fest, das Brett verkeilt, das kommt vom Sport, das ganze Unglück kommt vom Sport, sage ich Ihnen, vom Sport kommt alles, dorthin gehen aber doch nur wenige, zu wenige, leider, es sollten eigentlich ein bißchen mehr sein, ich habe Sorge um ihre Körper, denn es lohnt sich nicht, ohne Sport zu sterben, das ganze Sterben lohnt sich dann nicht, beim Sport, also währenddessen, nicht wahr, ist sterben besser, oder angewiesen sein auf Helfer in der Not wie die einsame Frau in der Spalte, aber mit Handtelefon, wo bin ich, spricht das Telefon und gibt sich selbst die Antwort. Andre hören mit. Jede Frau hat eine Spalte, bei der man sie ergreifen und woanders hinstellen kann, wo man nicht gleich auf sie reinfällt, und still sich selbst befriedigen, wenn kein andrer da ist; jede hat eine, hat jede einen Gott?, einen Gott?, einen Gott? Wahrhaftig nein, nicht jede hat einen, halt!, rückt nicht so schnell vor, da steckt eine fest in ihrer Spalte, rettet sie!, wer hat die Spalte bloß dorthin hingetan?, dem gehört eine ins Gesicht, die Füße sind zu beschäftigt, die erwischen wir nicht, diese blöde Spalte!, da mußte einer ja irgendwann reinfallen, man muß auf diese Spalte hereinfallen, wenn sie schon mal da ist, selbst wenn man sie überhaupt nicht sieht, weil man sie nicht gesehen hat, Schnee drüber, was soll man machen, wenn der Berg einem so bereitwillig seine Spalten öffnet oder wenn eine Kuh den Spalt, durch den das Licht schimmert, damit auch die Unterbelichteten erleuchtet werden, wenn die einem diesen Spalt auch noch dauernd hinhält und uns dann etwas vorhält, ich sehe noch nicht genau, was, vorhält, wenn man durchgehen möchte, und haben Sie schon eine Kuh durchgehen sehn?, kein schöner Anblick, die können einen umbringen, auch wenn sie das ursprünglich gar nicht vorhatten. Das haben wir schon gern, erst hinhalten, dann vorhalten; reingefallen!, da kann man sich nicht selbst hinhalten, da darf man mit sich selbst nicht haushalten, man darf überhaupt nichts selber machen, man darf sich nicht begrapschen, man darf sich nicht gegen den eigenen Willen küssen oder es zumindest versuchen oder sonstwas versuchen, man darf sich nicht anders erinnern an das, was gewesen ist, man darf sich nicht sagen, daß etwas gar nicht stattgefunden hat, man darf sich nicht nachstellen, man muß selber kommen, ohne daß einer vorspurt, man darf sich keine Avancen machen, nein, man muß schon selber vorrücken auf das nächste verschneite Feld. Man darf kein Thema wählen, das für manche Personen unangenehm sein könnte, man darf niemand anderen für sich ein Kind austragen lassen wollen, man darf sich keine anstößigen Tweets schicken, es darf nichts publik werden, obwohl das Publikum drauf wartet.  ...

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Theater heute Dezember 2018
Rubrik: Stückabdruck, Seite 99
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