Kleine Wunder
Digitales Theater ist genau genommen kein Theater. Es ist ein seltsamer Hybrid, eine Kreuzung aus Film und Theater, an dessen Erforschung und Entwicklung an allen Theatern Europas gerade fieberhaft gearbeitet wird. Mit offenem Ende. Dabei ist ein Paradox offensichtlich: Die Digitalisierung entfernt die zwei Haupt-Protagonist:innen des Theaters – also Bühne und Zuschauer – weit voneinander, um zum anderen eine neue Verbindung herzustellen. Die Körper begegnen einander nicht mehr im analogen Raum, doch die digitale Wegstrecke verbindet die Bühne direkt mit dem Wohnzimmer.
Die Wegstrecke wird so verkürzt, Zugänglichkeit erleichtert und Reichweite erzeugt. Dabei gelingt manchmal etwas Neues, Unerwartetes, Drittes, sowohl zwischen den beiden Protagonist:innen als auch in den Theaterbetrieben selbst.
Natürlich funktionieren Resonanz und Performativität durch die Umwandlung des analogen Theaters in digitale Signale nicht in gewohnter Weise. Und der Verlust bei der Übertragung einer Kultur der Körper ins Digitale schmerzt Theaterschaffende und Zuschauende gleichermaßen. Denn beide sind den lebendigen Theaterorganismus gewohnt und leiden unter dem Mangel sinnlich wahrnehmbarer Erfahrung ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 70
von Sonja Anders
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Matthew Lopez' zweiteiliges Bühnenepos «Das Vermächtnis», inspiriert von Motiven aus E. M. Forsters 1910 erschienenem Gesellschaftsroman «Howards End», beginnt mit dem, was jedem Erzählen vorausgeht. Am Anfang ist der Drang – ein Impuls, eine durch und durch körperlich empfundene Regung. Noch vor dem ersten Wort drängt etwas, drängt zu erzählen. Und so tasten sich...
