Freiheit und Schmerz

Matthew Lopez «Das Vermächtnis»

Matthew Lopez' zweiteiliges Bühnenepos «Das Vermächtnis», inspiriert von Motiven aus E. M. Forsters 1910 erschienenem Gesellschaftsroman «Howards End», beginnt mit dem, was jedem Erzählen vorausgeht. Am Anfang ist der Drang – ein Impuls, eine durch und durch körperlich empfundene Regung. Noch vor dem ersten Wort drängt etwas, drängt zu erzählen.

Und so tasten sich die zehn namenlosen jungen Männer, die Lopez im Prolog seines Stückes in einer Art Autorenworkshop versammelt, Satz für Satz und Einfall für Einfall in eine Geschichte vor, angeleitet und ermutigt von der Figur eines Mentors, der niemand anderer als E. M. Forster selbst ist. Auch wenn die sich nach und nach entspinnende Narration immer deutlicher einem dieser Männer und seinen individuellen Impulsen folgen wird, ist Erzählen hier von Anfang an eine Sache des Kollektivs und zugleich rückgebunden an die Geschichte und das literarische Vermächtnis, den alternativen Kanon, einer Gemeinschaft, die sich als Gay-Community zu erkennen gibt. Schon von der Grundanlage her sind Individuum, Kollektiv und Historie in «Das Vermächtnis» eng miteinander verknüpft.

Über mehrere Jahre hinweg folgt Lopez’ breit angelegte Erzählung dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 150
von Ewald Palmetshofer

Weitere Beiträge
Im Bauch des Wals

Wie schreiben über Vorgänge, deren zeitliche Dimension nicht abzusehen ist? An dieser Frage reiben sich alle Theatertexte über das Anthropozän, wie immer sie auch strukturiert sein mögen. Das alte Brecht-Problem, dass die komplexen Transaktionen des Finanzkapitalismus nicht mit einer dramatischen Struktur abzubilden sind, erscheint hier ungleich vervielfältigt...

Kleine Wunder

Digitales Theater ist genau genommen kein Theater. Es ist ein seltsamer Hybrid, eine Kreuzung aus Film und Theater, an dessen Erforschung und Entwicklung an allen Theatern Europas gerade fieberhaft gearbeitet wird. Mit offenem Ende. Dabei ist ein Paradox offensichtlich: Die Digitalisierung entfernt die zwei Haupt-Protagonist:innen des Theaters – also Bühne und...

Flug aus 23 Metern Höhe

Drei Frauen in einem Hochhaus: Großmutter Sugar, Mutter Viki und Tochter Kitti. Das Hochhaus zwischen heimeliger Zärtlichkeit und brutalistischer Kälte. Kitti, 17 Jahre alt, ist schwanger. Sollte sie – so jung – ein Kind bekommen? Der Vater Maik – «ein blonder Junge, schiefes Lächeln» – wohnt ein paar Stockwerke über ihnen, mit Vater und Großvater, ein Gegenstück...