Life is live
Natürlich gehen wir davon aus, dass die Pandemie irgendwann enden wird, aber werden wir danach wirklich wieder zur «Normalität» zurückkehren? Was heißt denn schon «Normalität»? Werden wir überhaupt wieder vor vollen Tribünen spielen dürfen? Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. In gewisser Weise gilt das ja ganz grundsätzlich fürs Theater. Oder um es mit Schlingensief zu sagen: «Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendetwas stehen, das wir nicht gleich restlos erklären können.
» Ich schlage vor, wir definieren zwei künstlerische Phasen während der Pandemie: Die erste dauert von März bis November 2020. Die zweite beginnt im November 2020 und ist noch nicht beendet. In der ersten Phase kommen die meisten Theater zum totalen Stillstand. Man sitzt beklommen zu Hause und entdeckt zögernd das Konferieren im Zoom. Erste digitale Formate werden entwickelt. Unsere Streaming-Plattform am Schauspiel Köln nennen wir «Dramazon Prime». Es entstehen kleine (Smartphone-)Filmchen, die ihr «Hallo, es gibt uns noch!» in die düstere Endzeitwelt hinausrufen. Rauchzeichen aus den Quarantäne-Bunkern. Beim Schauen stellt sich oft Scham ein. Mir fehlt die Kraft, es zu untersagen. Die ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 72
von Stefan Bachmann
Mein intensivstes Theatererlebnis in dieser unglaublich schweren Spielzeit, die jetzt endlich zu Ende geht, hatte ich nicht im Theater, sondern vor dem Bildschirm. Und mit Bildschirm meine ich in diesem Fall tatsächlich den des Smartphones. Es waren die letzten Momente eines Events des twitch-Streamers Ludwig Ahrgren, das unter dem Namen «Subathon» googlebar ist...
Ein kalter, sonnig-stürmischer Maientag in Berlin. Ein knappes Dutzend Pressevertreter teilt sich FFP2-maskiert im nüchternen Raum des Landesarbeitsgerichts die paar Stühle, die nicht mit rotweißem Flatterband abgesperrt sind. Beklommene Stimmung: Wird sie gleich kommen, Shermin Langhoff, die ins Feuer geratene Intendantin des Gorki, das so lange das Role Model war...
Geschichte ist Gegenwart. Am Beginn von Arthur Schnitzlers «Professor Bernhardi» situiert die Angabe «Wien um 1900» die Komödie in der Regierungszeit des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger (sprich Lu:eger), von dem Adolf Hitler nach eigenen Angaben lernte, den Antisemitismus als politisches Kampfmittel einzusetzen. Als «Professor Bernhardi» 1912 in Berlin zur...
