Kiew gehört mir!
Vor einem Jahr ging die Beziehung mit dem Menschen, den ich liebe und den ich noch immer über alles liebe, in die Brüche. Das ganze letzte Jahr war ich nur damit beschäftigt gewesen, zu leiden und meinen Gesundheitszustand zu bedauern. Das war eine schleichende und langwierige Depression. Im Dezember jenes Jahres begriff ich, dass ich psychotherapeutische Hilfe brauche. Das hätte ich längst machen sollen, doch ich vermied sie unter allen Umständen, als wollte ich mich halb absichtlich selbst zugrunde richten.
Meine Psychotherapeutin heißt Dina und ist ziemlich gut, doch mein Bemühen endete mit einem Fiasko. Aber einen nützlichen Rat von Dina beherzigte ich weiterhin jeden Tag. Sie riet mir nämlich, ein Tagebuch meiner Emotionen zu führen, dafür habe ich mir eine spezielle App aufs Handy geladen. So entstand auch die Idee eines Tagebuchs, als der Krieg begann und ich begriff, dass das mein Schutzmechanismus ist, mein Versuch, mir selbst nützlich zu sein. Am zweiten Tag des Kriegs begann ich, chaotisch alles aufzuzeichnen, was mir wichtig ist, meine Gedanken, meine Handlungen, ich begann die Welt um mich herum, wie ich sie sehe, aufzuschreiben, alle Veränderungen; das half mir, einen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2022
Rubrik: Krieg in der Ukraine, Seite 5
von Pavlo Arie
Der Vorlauf zu dieser Arbeit reicht bis in den Corona-Pandemiebeginn zurück, als Philipp Preuss im April 2020 mit seinem Zoom-Theaterprojekt «k. (nach Kafka)» einen ersten Aufschlag zu Kafkas Romanfragment «Das Schloss» gab. Ein Stück gestreamte Erzählkunst flackerte dort in den Bildschirmkacheln, mit schemenhaften Gesichtern und viel Schneelandschaft. Es war eine...
Anfangs weiß man nicht, ist das jetzt witzig oder nur ganz dumm? Eine Gruppe Schauspieler vor einer albernen Kulisse und in grellen Kostümen plappert Text aus einem Italo-Western, verheddert sich in Textschleifen, Hängern, immer nur derselbe Unsinn. Dann jammert jemand über seine Probleme mit der Miete und dass die Kunstform des Sich-Geld-Leihens leider...
«Imagine», flackert es über die Hinterwand der leeren schwarzen Bühne im Container des Gorki Theaters. Stell dir vor, was kaum vorstellbar ist für uns, gut verwurzelt im sicheren Zuschauerraum, stell dir Krieg vor, Flucht, Fremdheit, Wurzellosigkeit. Das sind die Themen, die Rasha Abbas, 1984 in Damaskus geboren und seit 2014 in Deutschland lebend, in ihren 21...
