Keine Bühne für Täter
Er ist quasi der Täter der Herzen in der an Femiziden nicht armen Dramengeschichte: Georg Büchners Woyzeck. Wir lernen ihn als Opfer der (Klassen-)Gesellschaft kennen und, wenn auch widerwillig, verstehen. Er ist und bleibt in den meisten Inszenierungen die Identifikationsfigur. Seine Verlobte Marie, die er ermordet, bekommt gerade mal etwas Mitleid. Woyzeck – und diverse andere Täter – gelten gemeinhin als die künstlerisch interessanteren Charaktere. Dass das so ist, darf durchaus als Symptom einer patriarchalen Gesellschaft gelesen werden.
Dem setzt das Theaterkollektiv Glossy Pain am Theater an der Ruhr eine jugendliche, energiegeladene «Woyzeck»-Überschreibung entgegen. Sie holt den Plot ins Heute, die Frauenfi -guren aus dem Schatten und die Männer vom Treppchen. Ort der Handlung ist die bilinguale WG von Marie und Margret, konkret ein IKEA-naturalistischer Guckkasten von Bühnenbild -nerin Wicke Naujoks. Das entspannt liebevolle Zusammenleben der beiden Frauen beschreibt Regisseurin Katharina Stoll im Podcast zur Inszenierung als Rekurs auf das Konzept der «Radikalen Zärtlichkeit» von Seyda Kurt: füreinander zu sorgen außerhalb der Partnerschaft, «in der man häufig diese eine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Cornelia Fiedler
Nun Jürgen Flimm. Und jedes Mal denke ich: Hätte ich doch bloß noch angerufen oder wäre nochmal vorbeigefahren; aber am Theater ist ja bekanntlich immer Alarmzustand, so dass man das Gefühl hat, nie so richtig wegzukommen, und dann vergisst man, den Kontakt zu halten zu Menschen, die einem mal lieb und wichtig waren. Jürgen Flimm war nie lieb, aber wichtig, und er...
Jetzt ist sie amtlich, die Horror-Saison 2020/21. Der Deutsche Bühnenverein hat seine Statistik vorgelegt – mit der üblichen Zeitverzögerung, die offenbar nötig ist, um alle Zahlen der Theater zusammenzutragen. Nach dem ersten Pandemiestart und einem dreimonatigen Lockdown ab März 2020 war man einigermaßen hoffnungsvoll in die neue Spielzeit gestartet, nur um im...
Es ist ein Märchenwinter unter den Schweizer Jungdramatiker:innen. Schon wieder «Hänsel und Gretel»: Nach Kim de l’Horizons ökoqueerem Update in Bern, in dem Gretel sich als Klima-Greta outete, nimmt sich jetzt Alexander Stutz in St. Gallen den kannibalistischen Stoff vor, und seine Grethel, merkwürdigerweise mit h geschrieben, ist so ziemlich das Gegenteil der...
