Kunst und Lüge
Die Große Reichshalle ist das größte Gebäude auf Erden», jubiliert die Stadtführerin. In knackiger Uniform strahlt Ahmad Mesgarha auf der Bühne des Staatsschauspiels Dresden – «schöne Stadt, so unzerstört» – eine vollbusige Mischung aus Arroganz und Autorität aus: Höhe 290 Meter, Fassungsvermögen 180.000 Personen, «die Kuppel selbst misst einhundertvierzig Meter im Durchmesser, und der Petersdom zu Rom passt sechzehnmal hinein», doziert seine stolze Patriotin.
Sogar ein eigenes Klima herrsche drinnen, wenn der «Atem einer solchen Menschenmenge in die Kuppel aufsteigt und dort Wolken bildet, die kondensieren und als leichter Regen herabfallen».
Unterwegs in Speer-City
Der von Albert Speer entworfene monumentale Monsterbau könnte heute vom Kanzleramt bis zum Hauptbahnhof reichen (die Spree hätte umgeleitet werden müssen) – wenn, ja wenn Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte. In seinem Krimi «Fatherland» spielt der britische Autor Robert Harris einen alternativen Geschichtsverlauf durch, in dem Nazi-Deutschland die Rote Armee bis hinter den Ural zurückgedrängt, die Briten zum Aufgeben gezwungen und ganz Europa unter seinen Einfluss gebracht hat. 1964 – das Jahr, in dem der ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Eva Behrendt
Auf der Bühne dreht sich ein Sandhaufen mit drei weißen Monoblockstühlen, darüber kreist eine gigantische orangene Sonne aus Scheinwerfern unter Pergamenthaut (Bühne Sabine Mäder). Könnte irgendwo in der Wüste sein oder in provinzieller Einöde, vielleicht sogar ganz in der Nähe. Eine Frau, eindeutig overdressed im cremefarbenen Kleid mit hoher Taille und langem...
BERLIN, KUNSTGEWERBEMUSEUM
bis 16.7., Retrotopia. Design for Socialist Spaces
Kooperatives Ausstellungsprojekt über die Rolle und den Einfluss von Design in den Ländern des ehemaligen Ostblocks und Ex-Jugoslawiens von den 1950er bis in die 1980er Jahre
BERLIN, WANNSEE CONTEMPORARY
bis 22.4., Yael Bartana | Rehearsal for Redemption
Das für Wannsee Contemporary...
Gerade fuhr der elfjährige Renat noch mit dem Skateboard auf der Bühne herum. Nun hält ihn eine fremde Frau an der Hand und erzählt vorne am Bühnenrand, dass sein Onkel vor wenigen Tagen im Ukraine-Krieg gefallen ist. Dass seine Mutter Marta gerade nach Irpin zurückgefahren ist, um ihn zu beerdigen. Nein, nein, das können wir so nicht machen, ruft die musikalische...
