Kein Trost
Der eine fordert von seinen drei Töchtern einen öffentlichen Liebesbeweis, der andere von Hunderttausenden Staatsbeamten Loyalität oder Kündigung. Der eine kompensiert Machtverlust mit Übergriffen auf Bedienstete, der andere mit einem Sturm aufs Kapitol. Der eine bezeichnet die Vagina, insbesondere die seiner Töchter, als «Hölle» und «Schwefelloch», der andere … ach, ist ja alles bekannt und muss nicht immer reproduziert werden.
«König Lear» kann jedenfalls in den Misogynie-, Willkür- und Machtmissbrauch-Charts nur verlieren, gemessen an der politischen Realität der Ära Trump. Was sollte im Jahr 2025 eine Groteske – denn als solche verstehen Regisseur Ev -geny Titov und sein Team Shakespeares Tragödie – noch zuspitzen? Schlimmer, wie sollte deren Ende, das provokant jeden Trost verweigert, heute noch irgendjemanden traurig machen?
Titov setzt im Finale seiner Königsdramen-Trilogie am Schauspielhaus Düsseldorf auf opernhafte Bilder: den erschlagend hohe Thronsaal von Etienne Pluss, der in seiner Gigantomanie das Entgleisen der Mächtigen vorwegnimmt; die kalten Herrscherinnen Goneril (Jenny Schily) und Regan (Friederike Wagner) ganz in Schwarz, wie sie sich im Streit mit ihren ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2025
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Cornelia Fiedler
Am Schluss darf sie endlich reden, allein – ein Moment der Klarheit aus der Distanz oder gar Isolation, denn zumindest auf der Bühne hört ihr da keiner mehr zu. Davor macht Heinrich von Kleists aberwitziges Enthüllungsdrama vom Beginn des 19. Jahrhunderts in anderthalb Stunden voll turbulenter Komik und unterschwelliger Gewalt die Me-Too-Debatte von heute beinahe...
Das Adjektiv «entschieden» ist fast eine Untertreibung dessen, was man aktuell am Hessischen Staatstheater wagt: Man setzt das Publikum nicht einfach nur einer über einstündigen, nonverbalen Darstellung aus, sondern zeigt das Ganze auch noch konsequent in Slow Motion. Marie Schleefs Uraufführung von «ER PUTZT», Valeria Gordeevs Gewinner-Text beim Ingeborg...
Da stehen diese sieben Vibrationsplatten. Schwarze, knöchelhohe Geräte, deren Oberfläche per Knopfdruck auf der Fernbedienung anfängt zu wackeln. Zu Beginn gibt es Wackelpudding bei Familie Wingfield – und das rote Glibberzeug steht also auf dieser Platte und zuckt ekstatisch hin und her. Ein netter Gag, könnte man denken. Aber was sich Regisseurin Jaz...
