Kassel: Wer weiß?
Von dieser Welt sind sie wohl nicht: Die vier Personen, die die Bühne bevölkern – sie sind derart grün im Gesicht und an den sichtbaren Extremitäten, als wären sie schon ein paar Mal gestorben. Zwei Männer in Weiß, Mediziner womöglich oder forschende Wissenschaftler, kommen Familie Grün besuchen – und gehen schließlich verschütt in den Labyrinthen und dunklen Ecken dieses rätselhaften Raumes. Die Fabel ist schmal, der Text überschaubar – Wilke Weermann ist vor allem an atmosphärischer Beschwörung interessiert.
Der Titel «I am Providence» ist die Grab-Inschrift des amerikanischen Schriftstellers H.P. Lovecraft – sie markiert als Echoraum der Aufführung dessen abgründig finstre Grusel-Fantasien. Wer sich auf die Suche macht nach unausweichlichem Schrecken, wer dystopische Alpträume erkunden will in der Literatur, der kommt an dem grenzgängerischen Denker aus Providence im US-Bundesstaat New Jersey nicht vorbei; stilbildend wurde der schon 1937 verstorbene Autor für Generationen von Adepten, die ganz grundsätzlich die dunklen Seiten menschlich-unmenschlicher Fantasien erkundeten. Lovecrafts Leben und Werk lagen in immerwährendem Widerspruch, Wahn und Vision sind weithin ...
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Theater heute März 2020
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Michael Laages
Der Bochumer Iwanow ist die Sanftheit in Person. Ganz zu Anfang sitzt er still auf einem Stuhl, ein ungelesenes Buch in der Hand, fast eine Karteileiche im Club der toten Dichter. Jungenhaft trotz ergrauender Haare, feingliedrig, kein Arbeiter, sondern ein sensibler Grübler. Die gute, jedoch bewusst nachlässig gehandhabte Garderobe zeugt von einer Eitelkeit der...
Julien stürzt hart. Blutig der Schädel und das Hemd, so findet der Abbé den Burschen am Boden. Juliens Vater hat wieder zugeschlagen. Mit dem Buchrücken, den er Julien entriss, weil ein Brettersägersohn seiner Ansicht nach keine Flausen im Hirn braucht, sondern Schwielen an den Händen. Weil aber der Abbé ein Herz für kluge Köpfe hat, rafft er dieses Bündel...
Die einzige Profischauspielerin im Team, Hanna (Werth), gibt gleich zu Beginn den Problemtakt vor: «49 Prozent der Deutschen geben an, dass in ihrer Familie der Nationalsozialismus abgelehnt worden wäre. Niemand möchte gerne Nazis in der Familie haben.» Schon klar, aber: «Irgendjemand muss es gewesen sein. Hitler hat sich ja nicht selbst vom Straßenrand aus...
